Waren Neandertaler schon Seefahrer?


Symbolbild: Inseln im Meer.

Copyright: luidetega / CC0

Washington (USA) – Lange Zeit galt die Vorstellung von gezielter Seefahrt vor mehr als 10.000 Jahren unter Archäologen als absurd. Eine stets wachsende Indizien- und Beweiskette legt mittlerweile aber nahe, dass nicht nur schon unsere frühen Vorfahren gezielt zur See fuhren, sondern auch schon die Neandertaler. Damit würde der Beginn der beabsichtigten Seefahrt um rund 120.000 Jahre vordatiert werden müssen.

Wie der Wissenschaftsjournalist Andrew Lawer aktuell im Fachjournal „Science“ (DOI: 10.1126/science.360.6387.362) berichtet, deuten jüngste Ausgrabungen auf Inseln im Mittelmeerraum auf seefahrende Neandertaler vor mindestens rund 130.000 Jahren hin.

Der sog. Einbaum von Pesse, ein mittelsteinzeitlicher Einbaum der als weltweit ältestes erhaltenes Boot gilt.
Copyright: MuseumDrenthe.nl / CC BY 3.0

Tatsächlich galt lange Zeit die Fähigkeit zum Bau und Betrieb von Booten als Errungenschaft, die erst mit dem Aufkommen von Landwirtschaft und Viehzucht einherging – und das bislang älteste Boot ist rund 10.000 Jahre alt und wurde in den Niederlanden gefunden (s. Abb. l.). Segel selbst wurden erstmals im Alten Ägypten, vor rund 4.500 Jahren, dargestellt und es gibt bislang keine archäologischen und historischen Belege für Seefahrt auf hoher See als jene vor mehr als 4.000 Jahren in Indien und Arabien.

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Während hölzerne Artefakte wie Boote oder Paddel noch weiter zurückreichende Zeiten wohl kaum überstanden haben, erzählen zahlreiche Knochen- und Steinwerkzeugfunde eine immer deutlichere Geschichte.

Tatsächlich ist bereits bekannt, dass frühe Mitglieder der Menschenlinie – etwa der Homo erectus – schon vor mehr als einer Million Jahre wenige Kilometer Tiefengewässer in Indonesien überquert, und so die Inseln Flores und Sulawesi erreicht haben. Auch der moderne Mensch hat bereits vor rund 65.000 Jahren in Australien die See befahren. In allen diesen Fällen, vermuten Wissenschaftler bislang jedoch, dass besagte Seefahrer dies eher unfreiwillig getan hatten, etwa als Tsunamiopfer.

Die Funde, die seit einigen Jahren nun aber auf Mittelmeerinseln gemacht werden, sprechen hingegen mehr und mehr für eine gezielte und beabsichtigte Navigation – und das zu Zeiten, die durchaus zu einem Paradigmenwechsel in der Archäologie führen könnten.

Wie Lawer berichtet, wurden beispielsweise vor rund 10 Jahren in der Nähe des Ortes Plakias an der Südküste des heutigen Griechenlands Steinwerkzeuge in derar großer Anzahl gefunden, dass es sich wohl kaum um zufällig hier angespülte Artefakte zu handeln scheint. Die Steinwerkzeuge gleichen denen der Acheuléen und damit einer mehr als eine Million Jahre alten Frühmenschen-Kultur der Altsteinzeit, die durch die Existenz von Faustkeilen definiert wird. Selbige Steinwerkzeuge wurden aber auch noch bis vor rund 130.000 Jahren auch von Neandertalern hergestellt und verwendet.

Moustérien-Faustkeil aus dem Neandertal.
Copyright: Gemeinfrei

Solange diese Funde aber noch einzigartig waren, zeigte sich die archäologische Gemeinde noch mehr als kritisch und zurückhaltend, diese als Beweise für seefahrende Neandertaler anzuerkennen. Nachdem sich mittlerweile jedoch ähnliche Funde auch auf Mittelmeerinseln häufen, bröckelt der Wiederstand gegen dieses Szenario zusehends.

So fanden sich potentielle Neandertalerartefakte auch schon auf Inseln wie Stelida oder Naxos, das 250 Kilometer von Kreta entfernt in der Ägäis liegt und selbst während der Eiszeit, als der Meeresspiegel vor Ort noch deutlich niedriger lag als heute, vermutlich nur mittels Booten zu erreichen war: Ein griechisch-kanadisches Archäologenteam um Tristan Carter von der McMaster University hat vor Ort hunderte von Steinwerkzeugen gefunden. Die darunter befindlichen Faustkeile und Steinklingen gleichen dem Werkzeugarsenal der Moustérien-Kultur. Diese begann vor rund 120.000 Jahren und dauerte bis vor etwa 40.000 Jahren. In Europa wird das Moustérien mit der Kultur der Neandertaler assoziiert. Aber auch moderne Menschen nutzten diese Werkzeuge vor 200.000 bis 50.000 Jahren.

Während Datierungsarbeiten noch andauern, kommen – laut Lawer – immer mehr Archäologen zu dem Schluss, dass sowohl wir Menschen als auch die Neandertaler sehr viel früher gezielt in See stachen als bislang gedacht.

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