Was passiert, wenn man als Astronomie-Professor außerirdische Raumschiffe in Betracht zieht

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Prof. Avi Loeb.

Prof. Avi Loeb.
Copyright: Aviloeb / CC BY-SA 4.0

Cambridge (USA) – Ende 2018 sorgte Dr. Abraham (Avi) Loeb, Professor für Astronomie an der altehrwürdigen Harvard University nicht nur in akademischen Kreisen durch einen Fachartikel für Aufsehen, in dem er darlegte, warum für ‘Oumuamua (das erste als solches erkannte Objekt, das aus einem anderen Planetensystem stammend, unser eigenes Sonnensystem durchflog) die zunächst vorgebrachten astronomischen Erklärungen wie Kometen und Asteroiden nicht anwendbar seien und ‘Oumuamua deshalb ein Trümmerteil eines außerirdischen Raumschiffs sein könnte (…GreWi berichtete). Was selbst einem angesehenen Astronomieprofessor aus Harvard wiederfährt, wenn er derartige Theorien nicht nur öffentlich in einem Fachjournal publiziert, sondern in der Folge diese Theorie auch noch ebenso vehement wie öffentlichkeitswirksam vertritt, statt sie zurückzunehmen, hat Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) im Folgenden zusammengetragen.

Zunächst jedoch noch einige Information zu Prof. Avi Loeb selbst: Loeb ist ein israelischer theoretischer Physiker, der sich vor allem mit Astrophysik und Kosmologie beschäftigt. Er ist nicht nur der Vorsitzende des Fachbereichs Astronomie an der Harvard University, er ist zudem Direktor des Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, der “Black Hole Initiative” sowie des Board on Physics and Astronomy of the National Academies und seit 2012 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Als Reaktion auf seinen, gemeinsam mit seinem Kollegen mit Shmuel Bialy im Fachjournal „Astrophysical Journal Letters“ veröffentlichten Artikel (…GreWi berichtete) prasselte ein Sturm der Entrüstung auf Loeb ein.

  • So durfte sich Loeb im November 2018 von der ZEIT-Journalistin Alina Schadwinkel unterstellten lassen, ob er in ‘Oumuamua nicht auch deshalb ein außerirdisches Sonnensegel sehe, weil er selbst seit Jahren an Lichtsegeln forsche und er ja schließlich auch Vorsitzender des Beirats für „Breakthrough Starshot“ sei, einer Initiative also, die genau solche superdünnen Lichtsegelraumschiffe, angetrieben von einem Laser, in ferne Sternsysteme schicken will: „Sehen Sie in Oumuamua vielleicht das, was Sie am meisten begehren – ein funktionierendes Lichtsegel?“Loeb antwortete darauf sachlich: „Durchaus möglich. Wir Menschen können uns nur Dinge vorstellen, die wir kennen. Die Natur ist deutlich reicher. Selbstverständlich habe ich einen Hang zu Technologien, die mir bekannt sind. Wäre ich vor 50 Jahren, als die Radiotechnologie entwickelt wurde, Forscher gewesen, hätte ich gesagt, wir sollten damit nach Signalen suchen – und das ist genau, was Menschen gemacht haben.“Dieser Antwort offenbar nicht genug, hakte die Journalistin nach: „Sie sagen, sie wollen die Wahrheit finden, Menschen motivieren, eine Debatte anstoßen. Aber ist das, was Sie hier tun, nicht einfach Werbung? Sie arbeiten an etwas, das manche für schwierig bis unmöglich halten. Nun behaupten Sie, jemand – noch dazu aus einem fernen Sonnensystem – habe das vielleicht bereits geschafft. Sicherlich hat die ‚Breakthrough Prize Foundation‘ nicht gezögert, die Publikation finanziell zu unterstützen?“Loeb darauf: „Dies war kein wissenschaftlicher Stunt. Es war nur eine Studie. Ich hatte die Idee, habe einen Postdoc angesprochen und gefragt, ob er mit mir zusammenarbeiten möchte. (Anm. GreWi: Loeb und Bialy hatte noch nicht einmal eine Pressemitteilung zu ihrem Artikel verfasst) Wir haben die Studie erstellt, online gestellt und plötzlich gab es die ganze Aufmerksamkeit.“In ihrem Populismusvorwurf wurde Schadwinkel dann noch konkreter: „Sie halten diese Studie also für ‚wissenschaftlich und evidenzbasiert‘ und nicht etwa für den Versuch zu zeigen, wie einfach es ist, mediale Erregung zu erzeugen, indem man eine äußerst umstrittene Idee publiziert?“Loebs Antwort hieruaf: „Genau. Dass die Studie innerhalb von drei Tagen geprüft und angenommen wurde, zeigt, dass noch mehr Wissenschaftler so denken wie wir. Das andere wiederum so eine Publikation alarmierend finden, ist ihr Problem. Es ist mir egal, was andere denken. Mein Ruf kümmert mich nicht. Auch die Aufmerksamkeit ist mir egal. Ich antworte Reportern, um der Öffentlichkeit zu erklären, wie Forschung funktioniert, denn heutzutage mangelt es selbst Politikern – vor allem in den USA – an Achtung vor der Wissenschaft.“

    Künstlerische Darstellung des interstellaren Objekts ‘Oumuamua (Illu.).
    Copyright: ESO/M. Kornmesser

  • Selbige Unterstellung findet sich auch in zahlreichen anderen internationalen und deutschsprachigen Medien. Als weiteres Beispiel sei hier ein Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ genannt. Darin schreibt der promovierte Astrophysiker und Mitglied der Chefredaktion der Zeitschrift „Sterne und Weltraum“ Andreas Müller (…nicht zu verwechseln mit dem GreWi-Herausgeber gleichen Namens!): „Muss man bei ‘Oumuamua gleich die Alien-Karte spielen? Bialy und Loeb gehen in ihrem Paper einige Szenarien durch. Aber Loeb ist auch Medienprofi und mit der Sonnensegelbehauptung hat er große Aufmerksamkeit für das andere Breakthrough-Projekt ‚Starshot‘ bekommen, an dem er beteiligt ist. In der Danksagung der Publikation gibt er offen zu, dass die Publikation in Teilen von der Breakthrough-Preis-Stiftung gefördert wurde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.Ebenso gut hätte ich behaupten können, dass ‘Oumuamua in Wahrheit die gesunkene Titanic mit meiner Oma an Bord ist. Diese Hypothese wird auch niemand so schnell entkräften können, immerhin soll das Objekt länglich sein und möglicherweise aus Eisen bestehen. Als Journalist und als Publizist darf man sich zu Recht fragen, ob wir uns hier vor den Karren spannen lassen? Sollen wir über alles berichten, auch wenn es noch so hanebüchen ist? Ist es vertretbar, wenn ein Journalist sich das medienträchtigste Szenario einer wissenschaftlichen Arbeit herauspickt, darüber berichtet und die anderen unter den Tisch fallen lässt? Ich denke, dass genau das geschehen ist, wenn wir uns den Medienrummel der letzten Tage kritisch anschauen. (…) Vielleicht werden weitere Analysen Loebs steiler These schon bald den Wind aus den Segeln nehmen. Bis es soweit ist rufe ich: ‚Gute Reise, Oma‘.“
  • Auch die „Science Bloggerin“ Bettina Wurche fragt in ihrem Meertext-Beitrag auf „ScienceBlogs“: „Was also mag die Intention hinter dieser hanebüchenen Publikation mit ihrer eskalierenden Hypothesenansammlung sein, wenn es keinesfalls akademischer Ruhm sein kann?Eine Erklärung findet sich im letzten Absatz: Bialy und Loeb empfehlen einen Survey zur Suche nach Lichtsegeln als Signaturen interstellarer technischer Zivilisationen. Und dann danken sie der Breakthrough Prize Foundation für finanzielle Unterstützung.Was also mag die Intention hinter dieser hanebüchenen Publikation mit ihrer eskalierenden Hypothesenansammlung sein, wenn es keinesfalls akademischer Ruhm sein kann?“Und erklärt dann: „Eine Erklärung findet sich im letzten Absatz: Bialy und Loeb empfehlen einen Survey zur Suche nach Lichtsegeln als Signaturen interstellarer technischer Zivilisationen. Und dann danken sie der Breakthrough Prize Foundation für finanzielle Unterstützung.“
  • Am 6. November twitterte der Astrophysiker und Buchautor Paul M. Sutter, nachdem er von seinem Verleger um ein Kommentar zu Loebs ‘Oumuamua-Theorie gebeten wurde: „Nein, ‘Oumuamua ist kein Alien-Raumschiff und die Autoren dieses Artikels beleidigen jegliche ehrliche wissenschaftliche Forschung allein schon dadurch, dass sie das auch nur andeuten.“
  • In einem Forbes-Artikel seines Blogs „Starts with a Bang“ vom 8. November 2018 bezeichnete der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Dr. Ethan Siegel Loeb und Bialys Artikel als „ein schockierendes Beispiel für sensationelle, schlecht motivierte Wissenschaft”. Zudem unterstellt er den beiden Autoren, bei ihrem Artikel handele es sich lediglich um eine „ungewöhnliche, auf Science-Fiction beruhende Vermutung, die von nichts weiterem als der eigenen Spekulation gestützt“ werde.
  • „Derartige Behauptungen“, so kommentiert Dr. Chada Prescot-Weinstein, Physikprofessor an der University of New Hampshire gegenüber Gizmodo, „beeinträchtigen nicht nur den Ruf des Lehrstuhles sondern auch den des gesamten Forschungsfeldes.“
  • Gegenüber der NBC erklärte der Astronom Seth Shostak vom SETI Institute, dass er die Hypothese zwar einerseits für „genial“ halte, doch dass derart „haarsträubende Hypothesen nicht akzeptabel“ seien, solange es noch sehr viel wahrscheinlichere Hypothesen gebe, etwa die von ‘Oumuamua als Komet oder Asteroid.
  • …und natürlich konnte sich auch der ZDF-Wissenschaftserklärer Harald Lesch seine kaum unterschwelligen Bewitzelung von Loebs Theorie nicht verkneifen:

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Immerhin einer sieht die ganzen Diskussionen und Unterstellungen entspannt: Avi Loeb selbst. Im Interview mit der israelischen Zeitung „Haarez“, erklärte er kürzlich:

„Mich kümmert nicht, was die Leute sagen. Ich sage, was ich denke. Wenn das die Öffentlichkeit dann interessiert, ist das ein erfreuliches aber indirektes Ergebnis. Wissenschaft ist nicht wie Politik: Wissenschaft hängt nicht von populären Umfragen ab.“

Auf die Frage nach der Reaktion der Wissenschaftsgemeinde auf seinen zunächst via ArXiv.org und dann im Fachjournal „The Astrophysical Journal Letters“ erschienenen Artikel berichtet Loeb: „Ich habe den Artikel in Teilen auf der Grundlage von Fachgesprächen mit zahlreichen Kollegen geschrieben, die ich wissenschaftlich respektiere. Wissenschaftler von Rang und Namen haben selbst gesagt, dass dieses Objekt sehr ungewöhnlich ist, waren aber ebenso zurückhaltend, diese Ansicht auch öffentlich zu äußern.

So etwas verstehe ich nicht. Schließlich ist es doch gerade die akademische Anstellung, die Wissenschaftlern die Freiheit geben soll, Risiken einzugehen, ohne sich um ihren Arbeitsplatz sorgen zu müssen. Leider erreichen die meisten Wissenschaftler eine Anstellung – und kümmern sich danach nur noch um Ihr Ansehen. Als Kinder fragen wir nach der Welt und wir erlauben uns, uns dabei auch zu irren. Das Ego spielt da noch keine Rolle. Wir lernen die Welt also in Unschuld und Ehrlichkeit kennen. Als Wissenschaftler sollst du das Privileg genießen, diese Kindheit fortsetzen zu können – ohne Sorge um das Ego, sondern im Streben nach der Enthüllung der Wahrheit. Gerade wenn man eine Anstellung hat.”

Aufgrund seiner zahlreichen Positionen in wissenschaftlichen Institutionen und Gremien ist sich Loeb durchaus bewusst, welches Risiko er mit seinem Standpunkt zu ‘Oumuamua als mögliches außerirdisches Artefakt eingeht: „Es könnte durchaus sein, dass ich damit Ruf-Selbstmord begehe, sollte es sich als falsch herausstellen. Andererseits wäre es – so wir damit richtig liegen – eine der größten Entdeckungen in der Menschheitsgeschichte.“

Ob ‘Oumuamua nun ein natürliches oder künstliches Objekt ist, werden wir vermutlich nie erfahren. Für seinen Mut, seine Theorie auszusprechen und zu vertreten, kann man Loeb nur danken. Denn das muss gerade auch in der Wissenschaft erlaubt sein, ohne damit gleich Ruf-Selbstmord zu begehen. Richtig ist aber auch, dass Loeb schon jetzt angekündigt hat, seine Theorie in jenem Moment zurück zu ziehen, in dem das Gegenteil bewiesen wird. Auch so funktioniert Wissenschaft: Eine jede Theorie muss einer Überprüfung standhalten – oder eben nicht.

…Lesen Sie hierzu auch den Kommentar „Das Raumschiff sehen“ – Warum wir auf Anomalien achten sollten“ von Greg Taylor.

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