Weitere unbekannte Urfassungen der Grimm’schen Märchen entdeckt

Symbolbild: Illustration von Otto Ubbelohde zu „Der junge Riese“, 1909. Copyright: Otto Ubbelohde / Gemeinfrei
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Symbolbild: Illustration von Otto Ubbelohde zu „Der junge Riese“, 1909.Copyright: Otto Ubbelohde / Gemeinfrei

Symbolbild: Illustration von Otto Ubbelohde zu „Der junge Riese“, 1909.
Copyright: Otto Ubbelohde / Gemeinfrei

Kassel (Deutschland) – Während die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm fast jeder kennt, ist weniger bekannt, dass es sich dabei nur noch um stark überarbeitete, meist geschönte und abgemilderte Versionen der Urfassungen handelt. Da bislang nur wenige dieser Urfassungen bekannt waren, glaubten einige Historiker, die Mehrheit der Grimm’schen Märchen seien von den Brüdern selbst erfunden worden. Die Entdeckung zahlreicher weiterer Urfassungen wiederlegt nun diese Theorie und offenbart weitere Überraschungen.

Waren bislang von nur 46 der rund 200 berühmten Erzählungen aus dem Märchenfundus der Brüder Grimm in Form der sogenannten Oelenberger Handschriften bekannt, so stieß der Germanist und Märchenforscher Prof. Dr. Holger Ehrhardt von der Universität Kassel bei seiner Auswertung von Unterlagen aus dem teilweise noch nicht sortierten und ausgewerteten Grimm-Nachlass in Berlin nun auf 54 weitere der seltenen Urschriften.

Hintergrund
Jacob und Wilhelm Grimm ersannen die berühmten Märchen nicht selbst, sondern schrieben auf, was ihnen die „Beiträger“ – einfache Menschen aus dem Volk, aber auch gebildete Leute – aus der Überlieferung berichteten. Im Laufe mehrerer Überarbeitungen wurden daraus die „Kinder- und Hausmärchen“, wie wir sie heute kennen. Ursprünglich hatten die Grimms gar nicht geplant, die Geschichten selber zu veröffentlichen; vielmehr schickten sie ihre Mitschriften Clemens Brentano und Achim von Armin, die sich jedoch gegen eine Veröffentlichung entschieden. Über Umwege gelangten die 46 bislang bekannten und bis heute erhaltenen Handschriften aus dem Besitz Brentanos in das elsässische Kloster Oelenberg. (Quelle: Universität Kassel)

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In dem Berliner Nachlass stieß Erhardt unter anderem auf Manuskripte, in denen sogenannte „Beiträger“ den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm Märchen und Sagen zusandten, aber auch auf Protokolle von Märchen, die sich die Grimms von Menschen aus der Bevölkerung erzählen ließen. „Darunter ist auch die Mitschrift der Gespenstersage ‚Der arme Bauer auf dem Kirchhof‘ von der wohl berühmtesten Märchenerzählerin Dorothea Viehmann (Abb. r.). In diesem Protokoll übernahm Jacob Grimm die mundartliche Ausdruckweise der ‚Viehmännin‘ – ein interessanter Einblick in den nordhessischen Dialekt jener Zeit“, erläutert die Pressemitteilung der Universität Kassel.

Eine besondere Überraschung hält auch eine Fassung des Märchens „Die weiße und die schwarze Braut“ in der Handschrift von Jacob Grimm bereit, hier unter dem ursprünglichen Titel „Die Ente am Goßenstein“. Ehrhardt fand in dieser Urfassung zahlreiche Belege, dass auch dieser Stoff von Viehmann stammen muss und nicht, wie bislang angenommen, aus dem Umfeld der Adelsfamilie von Haxthausen.

Ehrhardt belegt das mit typischen Viehmann-Wendungen, etwa einer sogenannten iterativen Phraseoschablone mit dem Muster „X und X“. So heißt es im nun gefundenen Text: „Was verdient die, welche das und das thut?“ Diese Wiederholung das und das „ist einer der auffälligsten Hinweise auf Dorothea Viehmann“, so der Märchen- und Sagenexperte. „Solche eigenwilligen Doppelungen sind nur in drei Viehmann-Märchen sowie im vorliegenden Manuskript nachweisbar.“ Aber auch das Motiv einer nackten Frau – im Märchen „Die weiße und die schwarze Braut“ wird die böse Stiefmutter ausgezogen – findet sich nur bei Dorothea Viehmann. Erhardt dazu: „Sie hatte ein anderes Verhältnis zur Körperlichkeit als die jungen bürgerlichen Damen aus dem Bekanntenkreis der Brüder Grimm.“

In einem aktuell im Fachjournal „Fabula“ (DOI: 10.1515/fabula-2023-0015) veröffentlichten Aufsatz  führt der Forscher zahlreiche weitere stilistische, inhaltliche und biografische Argumente für Viehmann als Quelle an.

Zum Thema

Für die Märchenforschung habe die Entdeckung der weiteren Urfassungen weitreichende Konsequenzen“, so Ehrhardt abschließend: „Hartnäckig hält sich der Glaube, dass es nur wenige Urfassungen gegeben habe, sondern die Grimms diese erfunden hätten, um den Erzählungen Authentizität zu verleihen. Das ist nun endgültig widerlegt.“

– „Wie findet man Urfassungen von 54 Grimm-Märchen?“ Holger Ehrhardt im Uni-Kassel-Podcast

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Recherchequelle: Universität Kassel

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