Wie wir mit Regierungsdaten die Grenzen der Wissenschaft erweitern könnten

Künstlerische Darstellung eines Gammastrahlenausbruchs (Illu.). Copyright: NASA/Swift/Cruz deWilde
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Künstlerische Darstellung eines Gammastrahlenausbruchs (Illu.). Copyright: NASA/Swift/Cruz deWilde

Künstlerische Darstellung eines Gammastrahlenausbruchs (Illu.).
Copyright: NASA/Swift/Cruz deWilde

– Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Prof. Dr. Avi Loeb, der am 11. Mai 2022 im englischsprachigen Original als Essay via TheMedium.com erstveröffentlicht wurde. Der Text wurde – mit freundlicher Genehmigung des Autors (A. Loeb) durch www.GrenzWissenschaft-Aktuell.de (GreWi) ins Deutsche übersetzt. Die vom Autor geäußerten Ansichten sind seine eigenen.

In den späten 1960er Jahren startete die Regierung der Vereinigten Staaten (United State Government, USG) die Vela-Satelliten, um hochenergetische Strahlung, auch bekannt als Gammastrahlen, zu orten, die von im Weltraum getesteten Atomwaffen ausgestrahlt wird. Die US-Regierung war besorgt, dass die Sowjetunion versuchen könnte, geheime Atomtests durchzuführen, nachdem sie 1963 den sog. Partiellen Teststopp-Vertrag.

unterzeichnet hatte. Am 2. Juli 1967 entdeckten die Satelliten Vela 3 und 4 einen Blitz von Gammastrahlung, anders als von allen erwartet bekannte Atomwaffe. Man kann sich vorstellen, welche Alarmglocken kurz nach dieser Entdeckung in Washington D.C. schrillten. Ein Forschungsteam des Los Alamos National Laboratory unter der Leitung von Ray Klebesadel war sich der Auswirkungen nicht sicher und reichte die Daten zur weiteren Analyse ein.

Es wäre für die US-Beamte üblich gewesen, die unerwarteten Gammablitze zunächst als eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit zu betrachten. Als jedoch weitere Vela-Satelliten mit besseren Instrumenten gestartet wurden, identifizierte das Team von Los Alamos weiterhin Gammastrahlenausbrüche in seinen Daten. Durch die Analyse der unterschiedlichen Ankunftszeiten der Ausbrüche bei verschiedenen Satelliten konnte das Team einen terrestrischen oder gar einen Ursprung im Sonnensystem ausschließen. Die Daten wurden sodann deklassifiziert und die Entdeckung 1973 offen als Artikel im „Astrophysical Journal“ mit dem Titel „Observations of Gamma-Ray Bursts of Cosmic Origin“ veröffentlicht. Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis die kosmologische Entfernungsskala der Ausbrüche durch die Röntgenortung von GRB 970228 durch den italienischen Satelliten Beppo-SAX ermittelt wurde. Der Nachweis von Nachglühen bei längeren Wellenlängen deutete darauf hin, dass die Ausbrüche von Jets stammen, die sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewegen und die entweder durch den Kollaps eines massereichen Sterns zu einem Schwarzen Loch entstehen, oder während der Verschmelzung eines Neutronensterns mit einem Schwarzen Loch oder mit einem anderen Neutronenstern erzeugt werden.

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Am Dienstag dieser Woche soll ein Unterausschuss im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten die erste offene Kongressanhörung zu nicht undentifizierten Phänomenen im Luftraum (unidentified aerial phenomena, UAP) seit mehr als einem halben Jahrhundert abhalten. Basierend auf den Lehren aus der Geschichte der Gammastrahlenausbrüche hoffe ich aufrichtig, dass die folgende Frage gestellt wird: „Können wir die hochwertigsten UAP-Daten Wissenschaftlern zur Verfügung stellen, die sie methodisch und quantitativ analysieren?“

Ich persönlich würde mich freuen, mein Forschungsteam an der Harvard University mit einer detaillierten Analyse solcher Daten zu beauftragen, sollte die Regierung daran interessiert sein, diese Daten offen zu teilen. Wissenschaft orientiert sich an Beweisen. Ebenso wie beim Wissen über Gammastrahlenausbrüche, so sollten auch die UAP-Daten nicht länger als eine Angelegenheit der Nationalen Sicherheit eingestuft werden, sollte sich deren außerirdische Herkunft erweisen. In diesem Fall sollten die Daten sondern offen mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft geteilt werden.

Im vergangenen Monat zeigte die USG erneut, dass sie, wie schon im Fall der Gammastrahlenausbrüche bereit ist, die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erweitern:
Am 6. April 2022 twitterte das United States Space Command einen formellen Brief an die NASA, in dem bestätigt wurde, dass ein Meteor, der im CNEOS-Katalog von meinem Studenten Amir Siraj und mir im Jahr 2019 aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit als von außerhalb des Sonnensystems stammend identifiziert wurde, tatsächlich interstellarer Herkunft war. Die Meteor-Entdeckung am 8. Januar 2014 lag fast vier Jahre vor dem ersten als solches erkannten und registrierten interstellaren Objekt, `Oumuamua, und sollte nun nachwirkend auch als das erstes interstellare Objekt anerkannt werden, das jemals entdeckt wurde. Tatsächich wurde der Fachartikel zu diesem Meteor zunächst angezweifelt, da die Unsicherheiten in den Geschwindigkeitsmessungen damals noch klassifiziert waren. Mit der Veröffentlichung des Bestätigungsschreibens erweitert die Regierung die wissenschaftlichen Erkenntnisse, indem sie den interstellaren Ursprung dieses sogenannten CNEOS-2014–01–08-Meteors mit einem einer Sicherheit von 99,999 % bestätigt. Wir planen derzeit eine Expedition, um den Meeresboden nach Fragmenten dieses ersten interstellaren Meteors zu durchsuchen, der fast vier Jahre vor der Entdeckung von `Oumuamua am 19. Oktober 2017 lag (…GreWi berichtete).

Aus der Tatsache, dass das Objekt erst in der unteren Atmosphäre zerfiel, schließen wir, dass es aus einem Material bestand, das dichter als Eisen war. Die USG konzentriert sich natürlich auf terrestrische Belange, an denen gegnerische Nationen beteiligt sein könnten. Wenn aber  USG-Daten eine außerirdische Natur belegen, aber nicht offen geteilt werden, fühlen sich Wissenschaftler wie ich wie das Kind in dem Märchen von Hans Christian Andersen, wenn es erkennt, dass „der Kaiser gar keine Kleider anhat“. Auf anekdotische USG-Daten über unerwartete Phänomene zu reagieren, ist so umständlich wie Kleidung in Echtzeit zu nähen, wenn der Kaiser die Straße entlang geht.

Wie im (UFO-/UAP-)Bericht des Office of the Director of National Intelligence (ODNI, GreWi berichtete) vom 25. Juni 2021 angemerkt, werden UAP-Daten selten offen diskutiert, weil „soziokulturelle Stigmata und sensorische Einschränkungen nach wie vor Hindernisse für die Erhebung von Daten über UAP sind … Reputationsrisiken können viele Beobachter zum Schweigen bringen und dies verkomplizieren wissenschaftliche Bearbeitung des Themas.“

Der verantwortungsbewusste Ansatz von Wissenschaftlern sollte darin bestehen, neue Beweise, so ungewöhnlich sie auch sein mögen, zu beachten und sich an ihre Auswirkungen anzupassen, unabhängig davon, wie herausfordernd sie sind. Es ist für Experten gängige Praxis, dass Experten Staub aufwirbeln und behaupten, dass sie nichts sehen können. Schließlich werden sie für die Beherrschung von Wissen aus vergangenen Daten belohnt und nicht für ihre Bereitschaft, Unwissenheit über neue Fakten einzugestehen.

Was wir als „normal“ betrachten, sind Dinge, die wir zu sehen gewohnt sind. Zu solchen Dingen gehören Vögel am Himmel. Aber ein tieferes Eintauchen in die Natur gewöhnlicher Dinge legt nahe, dass sie ziemlich außergewöhnlich sind: Erst seit dem Flug der Gebrüder Wright im Jahr 1903 konnten Menschen Vögel wirklich imitieren. Auch das, was wir als „außergewöhnliche Behauptungen“ bezeichnen, basiert oft auf gesellschaftlichen Konventionen.

So investieren wir beispielsweise große Mittel in die Suche nach der Natur der Dunklen Materie, die nur minimale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat, aber nur minimale Mittel in die wissenschaftliche Untersuchung von UAP (UFOs), deren Konsequnezen viel direkter sein könnte. Folglich ist das Fehlen „außerordentlicher Beweise“ oft in selbstverschuldeter Unwissenheit begründet. Wir könnten die Natur von UAP herausfinden, bevor wir dunkle Materie verstehen, wenn wir nur mutig genug wären, UAP-Daten öffentlich zu sammeln und zu analysieren – basierend auf wissenschaftlichen Methoden.

Zum Thema

Das gemeinsame Ziel aller Menschen, einschließlich der USG und der wissenschaftlichen Gemeinschaft, sollte es sein, den Begriff „nicht identifiziert / unidentifiziert“ aus unserem Sprachgebrauch zu streichen.

Ein Großteil der Geschichte der Physik dreht sich um das Streben nach Wissen über Gegenstände, die zunächst „außergewöhnlich“ erschienen und später „gewöhnlich“ wurden. Quantenverschränkung etwa, erschien Albert Einstein als außergewöhnlich, ist aber heute Teil des täglichen Vokabulars von Ingenieuren, die Quantencomputer entwickeln. Die Vorstellung von nicht-universellem Raum und Zeit in Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie störte ursprünglich die Mainstream-Ansicht der Physik-Gemeinde, wird aber jetzt von Taxifahrern, die routinemäßig Global Positioning Systems (GPS) verwenden, für die präzise Navigation verwendet.

Wir sollten nach evidenzbasiertem Wissen suchen, ohne uns von unseren Egos, Emotionen oder nationalen Sicherheitsfragen einsperren zu lassen. Das ist mein Wunsch für die Kongressanhörung in dieser Woche.

Wollen wir hoffen, dass die US-Regierung die wissenschaftlichen Grenzen unseres Wissens auch heute wieder weiter vorantreiben wird. Die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Regierung und Wissenschaft wird uns helfen, das Unbekannte zu verstehen. Und die Erforschung des Unbekannten ist das spirituelle Licht, das unsere Reise auf der Suche nach Wissen zu Zielen weit weg von dem vertrauten Felsen, den wir Erde nennen, erhellt.

Prof. Dr. Avi Loeb ist Leiter des „Galileo-Projekts“ in Harvard, einer systematischen wissenschaftlichen Suche nach Beweisen für außerirdische technologische Artefakte. Loeb ist Gründungsdirektor von Harvards Black Hole Initiative, Direktor des Institute for Theory and Computation am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics und Vorsitzender des Beirats des Breakthrough Starshot-Projekts. Er ist Autor des Buches „Außerirdisch: Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“

 




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