Wir brauchen ein Megapixel-UFO-Foto

Symboldbild: UFO/UAP (Illu.) Copyright: ID 12995263 (via Pixabay.com) / Pixabay License
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Symboldbild: UFO/UAP (Illu.)
Copyright: ID 12995263 (via Pixabay.com) / Pixabay License

Der Pentagon-Bericht, der dem US-Kongress am 25. Juni 2021 vorgelegt wurde (…GreWi berichtete), ist faszinierend genug, um wissenschaftliche Untersuchungen mit dem Ziel zu motivieren, unidentifizierte Phänomene im Luftraum (Unidentified Aerial Phenomena, UAP; früher UFOs) zu identifizieren.

– Ein Gastbeitrag von Prof. Avi Loeb*

Die Natur von UAPs ist dabei keine philosophische Angelegenheit. Es ist auch kein Rätsel, das von Politikern gelöst werden sollte – aus dem gleichen Grund, aus dem Klempner nicht aufgefordert werden sollten, Kuchen zu backen. Politische Entscheidungsträger oder Militärpersonal haben eine unzureichende wissenschaftliche Ausbildung und keine Expertise zu unerwarteten Phänomenen am Himmel. Die Hoffnung, Informationen von den Behörden zu erhalten, die dann doch nicht kommen, schafft eine frustrierende Erfahrung, wie sie schon Samuel Becketts Stück „Warten auf Godot“ geschildert wird.

Vor diesem Hintergrund sollten Wissenschaftler die Antworten durch den wissenschaftlichen Standardprozess finden, der auf einer transparenten Analyse offener Daten basiert. Die Aufgabe läuft also zunächst darauf hinaus, ein hochauflösendes Bild von einem UAP zu erhalten.

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Genauer gesagt würde uns ein Megapixel-Bild der Oberfläche eines derart ungewöhnlichen Objekts ermöglichen, bildhaft gesprochen das Etikett „Made in China“ von der Alternative: „Made on Exo-Planet X“ zu unterscheiden.

Stellen wir uns hierzu ein Objekt von der Größe eines Menschen in einer Entfernung von einer Meile (1,6 Km) vor. Angenommen, wir möchten Merkmale auflösen, die so klein wie die Breite eines Buchstabens dieses Textes. Das entspricht der Auflösung eines Tausendstels der Körpergröße der Person. Dafür bräuchte es ein Megapixel-Bild mit einer Million Auflösungselementen.

Das sog. Rayleigh-Kriterium der Optik impliziert, dass die beste Winkelauflösung eines Teleskops an der sogenannten „Beugungsgrenze“ liegt, etwa der Wellenlänge des Lichts geteilt durch den Öffnungsdurchmesser. Für sichtbares Licht kann also die gewünschte Auflösung in unserem Beispiel schon durch ein Teleskop mit einem Durchmesser von einem Meter erreicht werden, das sogar online, sozusagen von der Stange, gekauft werden kann. Das Teleskop sollte mit einer geeigneten Kamera verbunden werden, wobei der resultierende Datenstrom einem Computersystem zugeführt wird, in dem eine optimierte Software die interessanten, das Teleskop-Blickfeld passierenden Objekte (Transienten) herausfiltert, während das Teleskop den Himmel mit seinem Sichtfeld abdeckt.

Die anfängliche Vermessung könnte von einem großen Sichtfeld aus beginnen, aber dann das interessante Objekt heranzoomen, während es über den Himmel hinweg verfolgt wird. Offenbar können UAPs ihre Himmelsposition viel schneller verändern als alle astronomischen Quellen, die sich schließlich auch in großen Entfernungen befinden.

UAPs müssen aber auch von Vögeln, Flugzeugen, Satelliten oder instrumentellen Artefakten unterschieden werden können. Die tatsächliche Wiedergabetreue des Bildes wird durch Unschärfen aufgrund atmosphärischer Turbulenzen eingeschränkt und hängt daher von der Höhe und Entfernung des UAPs ab. Die Himmelsdurchmusterung muss sich zudem auch über einen Zeitraum erstrecken, der lang genug ist, damit die Erkennung von UAPs wahrscheinlich wird. Das sind alles große Herausforderungen.

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Die notwendigen Teleskopeinrichtungen könnten an geografischen Standorten platziert werden, die die Chance maximieren, etwa um frühere UAP-Berichte zu reproduzieren. Kostengünstigere Videokameras mit geringerer Auflösung könnten an mehreren Standorten rund um den Globus verteilt werden, um eine umfassende Vermessung des gesamten Himmels zu erreichen. An voneinander entfernten Standorten sind bereits astronomische Einrichtungen wie die „Zwicky Transient Facility“ (ZTF), das „Las-Campanas-Observatorium“ (LCO), die „Taiwanese–American Occultation Survey“ (TAOS), die „All Sky Automated Survey for SuperNovae“ (ASASSN) oder das „Panoramic Survey Telescope And Rapid Response System“ (PanSTARRS) vorhanden, die für verschiedene Aufgaben bei der Suche nach entfernten Transienten konzipiert wurden, die sich also nicht so schnell wie ein potenzielles UAP über den Himmel bewegen. Die Datenmenge wird bald dramatisch ansteigen, wenn auch das „Large Synoptic Survey Telescope“ (LSST) am „Vera C. Rubin Observatory“ (VOR) in Chile 2023 den Betrieb aufnimmt.

UAP-Skeptiker und –Debunker fragen oft: „Warum produzieren so viele private Kameras immer unscharfe Bilder von nicht identifizierten Objekten?“ Die Antwort ist einfach: Ihre Öffnungen sind hundertmal kleiner als die notwendigen 1-Meter-Teleskope.

Allerdings sind die Kosten für den Aufbau eines Netzwerks geeigneter Teleskope geringer als die Summe, die bisher in die Suche nach der Natur der Dunklen Materie investiert wurde.

Wir wissen nicht, welche Teilchen den größten Teil der Materie im Universum ausmachen. Auch das ist also eine Suche mit Unsicherheiten – genau wie die Suche nach UAPs.

Aber wenn einige der UAPs außerirdischen Ursprungs sind, wären die Auswirkungen ihrer Entdeckung für unsere Gesellschaft weitaus größer, als wenn Dunkle Materie schwach wechselwirkende massereiche Partikel (Weakly Interacting Massive Particles, WIMPs) sind.

Eine Entdeckung außerirdischer Technologie würde unsere Wahrnehmung von unserem Platz im Universum, unser Streben ins All, unsere theologischen und philosophischen Überzeugungen und den Umgang mit anderen Menschen verändern. Und all diese Auswirkungen könnten vielleicht durch ein einziges Megapixel-Bild ausgelöst werden, das in mit angemessenen Kosten aufgenommen werden könnte.

In einem Forum, das ich kürzlich zur Veröffentlichung meines Buchs „Außerirdisch“ besuchte, wurde ich nach der Wahrscheinlichkeit gefragt, die der Möglichkeit zugeschrieben wird, dass das seltsame interstellare Objekt ‘Oumuamua oder UAPs außerirdisch-technologischen Ursprungs ist. Ich habe klargestellt, dass dies genauso unbekannt ist, wie im Fall der Frage nach Dunkler Materie und WIMPs. Da aber ein Megapixel-Bild von UAPs erschwinglich und für die Öffentlichkeit und die Regierung von großem Interesse ist, sollten wir uns einfach eines besorgen.

Tatsächlich würde ein Bild eines ‘Oumuamua-ähnlichen Objekts sechsundsechzigtausend Worte wert sein – die Anzahl der Worte in meinem Buch. Wir sollten nicht nach Daten von staatlichen Sensoren suchen, die nicht für diesen Zweck entwickelt wurden, sondern unsere eigenen wissenschaftlichen Daten nach dem neuesten Stand der Technik in reproduzierbarer Weise zusammentragen.

Der größte Teil des Himmels über uns ist nicht klassifiziert. In einem Podcast-Interview, das ich kürzlich einem jungen Publikum gab, stimmten die Zuhörer zu: „Lass es uns einfach machen.“ Es war erfrischend, innerhalb einer Woche diesen Fackelträgern der Zukunft sowie mit potenziellen Geldgebern des UAP-Imaging-Projekts zu begegnen. Einen Tag später wurde ich von Rahel Solomon von CNBC gefragt: „Wie wollen Sie den internationalen UAP/UFO-Tag feiern?“ Dankbar für die Erinnerung daran, dass es dieses Tag überhaupt gibt, sagte ich: „Wir werden wahrscheinlich unsere Computer brauchen, um die Natur von UAPs zu ergründen. Daher ist es mein Plan, den Tag an meinem Computer zu begehen.“

Über den Autor

Prof. Avi Loeb Copyright/Quelle: Galileo Project

Prof. Avi Loeb
Copyright/Quelle: Galileo Project

Avi Loeb ist Gründungsdirektor der „Black Hole Initiative“ der Harvard University, Direktor des „Institute for Theory and Computation“ am „Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics“ und ehemaliger Vorsitzender der Astronomie-Abteilung der Harvard University (2011-2020). Er ist Vorsitzender des Beirats des „Breakthrough Starshot-Projekts“ und ehemaliges Mitglied des „President’s Council of Science and Technology“ sowie ehemaliger Vorsitzender des „Board on Physics and Astronomy of the National Academies“. Er ist Bestsellerautor von „Außerirdisch: Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“ und Co-Autor des Lehrbuchs „Life in the Cosmos“.

* Dieser Artikel erschien erstmals im englischsprachigen Original auf „ScientificAmerican.com“. Die hiesige deutschsprachige Übersetzung wurde unter ausdrücklicher Erlaubnis von Avi Loeb durch Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) erstellt.




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© Avi Loeb / Scientificamerican.com / grenzwissenschaft-aktuell.de