Zentralisierung, undemokratische Entscheidungsstrukturen und Machtbündelung führten zum Kollaps der ältesten vorstädtischen Siedlungen Europas

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Archäomagentischer Plan der Tripolye-Siedlung Maidanetske (Ukraine) aus der Zeit zwischen ca. 3950 und 3650 v. Chr. Ca. 3000 Häuser und zugehörige Gruben waren in konzentrischen Reihen um einen leeren Platz gruppiert und von einem Graben umgeben. Die kupferzeitlichen Versammlungshäuser (schwarz) sind in regelmäßigen Abständen an unterschiedlichen Stellen im öffentlichen Raum der Siedlung platziert. Copyright/Quelle: Umzeichnung René Ohlrau, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Archäomagentischer Plan der Tripolye-Siedlung Maidanetske (Ukraine) aus der Zeit zwischen ca. 3950 und 3650 v. Chr. Ca. 3000 Häuser und zugehörige Gruben waren in konzentrischen Reihen um einen leeren Platz gruppiert und von einem Graben umgeben. Die kupferzeitlichen Versammlungshäuser (schwarz) sind in regelmäßigen Abständen an unterschiedlichen Stellen im öffentlichen Raum der Siedlung platziert.
Copyright/Quelle: Umzeichnung René Ohlrau, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Kiel (Deutschland) – Nur wenige hundert Jahre nach ihrer Entstehung verschwanden die ersten vorstädtischen Siedlungen Europas schon wieder. Die Gründe hierfür waren Wissenschaftlern lange Zeit ein Rätsel. Eine aktuelle Studie wirft nun ein neues Licht auf dieses Phänomen und zeigt, wie eine fortwährenden Zentralisierung und damit einhergehend entstehende undemokratische Strukturen sowie die Bündelung von Macht auf wenige zu dem Kollaps der sogenannten Megasiedlungen der Tripolye-Kultur um 3.700 v. Chr. führten.

Auf dem heutigen Gebiet der Ukraine, Moldawiens und Rumäniens breitete sich zwischen 5.000 und 2.700 v.Chr. die sogenannte Tripolye-Kultur aus und schuf dabei die größten bekannten Siedlungen dieser Zeit in Europa: Die sog. Megasiedlungen mit bis zu 15.000 Einwohnern erstreckten sich über Flächen von bis zu 340 Hektar.

Da staatliche Strukturen zu dieser Zeit noch unbekannt waren wirft die Größe dieser Siedlungen viele Fragen bezüglich ihrer gesellschaftlichen Organisation auf, erläutert die Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und führt dazu weiter aus: „Wie liefen Entscheidungsprozesse ab? Gab es gesellschaftliche Unterschiede, demokratische Prozesse, Führer? Insbesondere bewegt die Wissenschaft aber die Frage, warum die Siedlungen nach nur wenigen hundert Jahren wieder verschwanden.“

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Wie das Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Dr. Robert Hofmann vom Sonderforschungsbereich (SFB) „TransformationsDimensionen“ der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) und mehrerer ukrainischer Forschungseinrichtungen aktuell im Fachjournal „PLoS One“ (DOI: 10.1371/journal.pone.0222243) berichtet, gelang es, anhand der Entwicklung sogenannter Versammlungshäuser die Veränderung von Entscheidungsebenen innerhalb der Großsiedlungen zu rekonstruieren.

Darauf basierend sehen die Forscherinnen und Forscher als Ursache für die kurze Lebensdauer dieser Großsiedlungen (die sich zunächst gleichzeitig mit der Urbanisierung Mesopotamiens entwickelten, dann aber zusammenbrachen) die Entstehung undemokratische Entscheidungsstrukturen und die Machtbündelung: „Während zu Beginn der Entwicklung der Großsiedlungen mindestens drei unterschiedliche Größenklassen dieser Versammlungshäuser bestehen, gibt es nach circa 300 Jahren nur noch die größten von ihnen. Offensichtlich wurden die unteren und mittleren Entscheidungsebenen aufgrund innergesellschaftlicher Spannungen ausgeschaltet. Dies führt schließlich zur Auflösung der Großsiedlungen.“

Kupferzeitliches Versammlungshaus nach der Freilegung: In einem offenen Hof und einem angrenzenden, überdachten Gebäudeteil fanden eine Vielzahl unterschiedlicher integrativer Aktivitäten statt Copyright: SFB 1266

Kupferzeitliches Versammlungshaus nach der Freilegung: In einem offenen Hof und einem angrenzenden, überdachten Gebäudeteil fanden eine Vielzahl unterschiedlicher integrativer Aktivitäten statt
Copyright: SFB 1266

Bei den untersuchten Versammlungshäusern handelte es sich um öffentliche Gebäude, die von den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen der Großsiedlungen genutzt und unterhalten wurden: „In ihnen fanden integrative Aktivitäten statt, die das Zusammenleben einer solch großen Anzahl von Menschen überhaupt erst möglich machten. Sie wurden für rituelle Handlungen genutzt und in ihnen wurden Entscheidungen gefällt, die die ganze Kommune betrafen“, berichten die Autoren der Studie.

Während sich in frühen Phasen der Tripolye-Siedlungen noch kleinere Versammlungshäuser nachweisen lassen, die vermutlich einzelnen Segmenten der Gesellschaft als integrative Orte zur Entscheidungsfindung auf niedriger hierarchischer Ebene dienten, führten wachsende Bevölkerungsgrößen und einsetzende Konflikte zur Stärkung der Bedeutung zentraler, die ganze Siedlung betreffender Institutionen, die auch baulich in riesigen, teils weithin sichtbaren Versammlungshäusern. Zeitgleich verloren die kleineren Versammlungshäuser an Bedeutung und verschwanden schließlich gänzlich. Aus dieser Beobachtung schließen die die Wissenschaftler, dass sich auch die Macht, die zunächst noch über die Gemeinschaft verteilt war, auf eine zentrale Institution überging.

„Die drastische Zentralisierung und der Wegfall demokratischer Entscheidungsstrukturen auf unterer und mittlerer Ebene waren der Hauptgrund für den Kollaps der Tripolye-Großsiedlungen“ so Hoffmann und erläutert dazu weiter: “Andere Gründe wie die Knappheit an Holz oder die Erschöpfung der Böden können wir ausschließen. Bis zu 10.000 Menschen konnten nicht durch nur eine zentrale Institution gemanagt werden. Dies hat vermutlich dazu geführt, dass sich die vorstädtischen Strukturen wieder auflösten.“

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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