UPDATE: „Weiße Mumie von Nazca“ sorgt weiterhin für Kontroversen und Betrugsvorwürfe


Standbild aus der Gaia-Doku-Reihe „Unearthing Nazca“

Copyright: Gaia.com

Lima (Peru) – Spätestens seit der Online-Sender „Gaia.com“ über die Untersuchungen einer lebensgroßen Trockenmumie mit ungewöhnlichen anatomischen Merkmalen berichtete (…GreWi berichtete), sorgt die Story weltweit für mediales und öffentliches Interesse und das nicht nur, weil das Aussehen der Mumie mit lediglich dreigliedrigen Händen und Füßen und ihrem verlängerten Kopf mit großen Augenhöhlen sehr schnell Assoziationen mit vermeintlichen Außerirdischen weckt. Mittlerweile hat Gaia neue Informationen veröffentlicht, die von schweren Vorwürfen der archäologischen Gemeinde in Peru begleitet werden. GreWi fasst die neusten Entwicklungen in der Sache zusammen.

Zunächst veröffentlichte Gaia ein kurzes Fragen&Antworten-Video, in dem ein Sprecher des Online-Senders zu einigen wenigen der meist gestellten Fragen Stellung bezieht:

Hierin berichtet der an der Dokumentation der untersuchten Relikte beteiligte Gaia-Redakteur zunächst von einer weiteren, die bisherigen Analysen bestätigenden C14-Datierung der „weißen Mumie“. Weitere C14-Datierungen werden demnach noch erwatet. Er nimmt auch Stellung zur von vielen hinterfragten Datierung der CAT-Scans der Mumie, die diese auf den 19. Mai 1997 datieren. Hierbei handele es sich um ein von den untersuchenden Medizinern willkürlich verwendetes Datum, um den Computer mit den sonst notwendigen Patientendaten (Name, Geschlecht, Geburtsdatum) zu versorgen. Bislang wisse man immer noch nicht, „was“ diese Mumie ist – und was nicht und erwarte weitere Analyseergebnisse von Labors weltweit. Neben der Option, dass es sich um eine nicht-menschliche Art oder ein evolutionäres „Missing Link“ handeln könnte, schließen die Gaia-Redakteure seöbst auch einen Schwindel noch nicht ganz aus: „Genau um das herauszufinden, machen wir alle diese Analysen.“ Die Art der Funde bewertet Gaia demnach dennoch als derart wichtig, dass man die Story als solche absichtlich noch vor den Analyseergebnissen veröffentlichen wollte: Es sei „ein seltner Glücksfall, dass ein solcher Körper zuerst unabhängigen Forschern in die Hände gefallen ist und nicht von irgendeiner Regierung oder Institution unter Verschluss gehalten werden konnte“, so der Gaia-Redakteur und bedient damit natürlich zugleich genau jene Denkrichtung, die der Mumie nicht nur eine exotische, gar außerirdische Herkunft unterstellt, sondern auch die gängigen, damit einhergehenden Verschwörungstheorien bedient.

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Während das obige Video via Youtube frei zugänglich von jedermann angesehen werden kann, sind die weiteren Gaia-Updates nur für zahlende Mitglieder des Portals sichtbar. Auch ein weiteres dieser Updates mit dem Titel „Examination of a new body“ (Die Untersuchung eines neuen Körpers) wurde mittlerweile veröffentlicht.

Dieses greift zunächst die weitere C14-Datierung auf, wie sie die ersten, bereits veröffentlichten Ergebnisse bestätigt und den Körper bzw. die analysierte Probe daraus auf ein Alter von 1.540 bis 1.705 Jahren (cal BP) datieren (…GreWi berichtete).


Standbild aus „Update 3 – Examination of a new body“

Copyright/Quelle: gaia.com/series/unearthing-nazca

Zudem wird ein weiterer, nun deutlich kleinerer und kopfloser Körper in sitzender Haltung vorgestellt, der ebenfalls unterschiedlichen Untersuchungen unterzogen wurde, u.a. von der Radiologie-Diagnostikerin Dr. Mary K. Jesse, Assistenzprofessorin an der School of Medicine der University of Colorado-Denver (…GreWi berichtete).

Basierend auf dem Gaia-Update zeigt sich Jesse auch von den Röntgen-Scans dieses Körpers beeindruckt und erklärt, dass man eine Fälschung oder Manipulation zwar nicht ausschließen könne, dass diese dann aber erstaunlich gut gemacht sein müsse. Allerdings ist auch anzumerken, dass (erneut) eindeutige Schlüsselaussagen der Medizinerin im Gaia-Update nicht vorkommen.

Bezüglich des jetzt vorgestellten zweiten Körpers erklärt die Gaia-Doku, dass dieser wesentlich kleiner und von „gänzlich anderer Art“ als die große „Weiße Mumie“ sei. Tatsächlich wirkt die ebenfalls unter einer Art weißem Puder verborgene Haut dieses Körpers eher schuppig und damit echsenartig. Erneut besitzt aber auch dieser Körper sowohl an Händen als auch an den Füßen nur dafür aber wesentlich kürzerer drei Finger und Zehen. Auch Proben dieses Körpers wurden, so Gaia, zur DNA-Analyse und C14-Dateirung an unterschiedliche Labore versandt.

Eine erste C14-Datierung des kleinen Körpers im Auftrag von Gaia erbrachte eine zeitliche Zuordnung dieses Körpers auf ein Alter zwischen 987 und 1145 Jahren. Damit wäre dieser Körper, den die Forscher auf den Namen „Victoria“ getauft haben, mehr als 700 Jahre jünger als die „Weiße Mumie“ Maria.


Ein dritter Körper: Standbild aus dem Video.

Copyright/Quelle: gaia.com/series/unearthing-nazca

Im Video selbst ist kurzzeitig auch ein dritter kleiner Körper in aufrechter Pose und mit Kopf zu sehen (s. Abb.). Dieser Körper entspricht dem kopflosen in Größe und Gestalt. Bislang wird auf diesen jedoch noch nicht weiter eingegangen.

+ + + GreWi-Kommentar
Mir persönlich fehlt es an der notwendigen Expertise, einschätzen zu können, ob die Funde echt oder manipuliert sind. Allerdings erscheint mir die Art und Weise, wie (zumindest mit der menschlichen) Mumie durch Gaia und einigen beteiligten Forschern, Wissenschaftlern und Medizinern teilweise respektlos umgegangen wird, doch sehr bedenklich. Oft erscheint mir das Handling der Mumie weit von wissenschaftlichen und moralischen Standards entfernt, wenn Gewebeproben recht grob und großflächig herausgeschnitten werden. Grundsätzlich erscheint mir die Absicht von Gaia & Co legitim, die Funde wissenschaftlichen Analysen zu unterziehen. Dass dies jedoch an den lokalen Archäologen und zuständigen Kulturbehörden vorbei geschieht, ist auch im Sinne der Ergebnisse eigentlich unverantwortlich – eröffnet dieses Vorgehen nicht zuletzt zahlreiche Angriffspunkte, die zustande kommenden Ergebnisse sehr leicht in Frage zu stellen. Die folgenden Reaktionen der betroffenen Archäologen in Peru stützen diese Befürchtung bereits jetzt…

Derweil erheben peruanische und internationale Konservatoren und Archäologen schwere Vorwürfe gegen Gaia und die beteiligten Forscher.

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So haben Wissenschaftler im Rahmen des Mitte August stattfindenden „9th World Congress on Mummy Studies“ via Facebook eine Erklärung veröffentlicht, in der sie Gaia und den kooperierenden Forschern eine „verantwortungslose Desinformationskampagne“ vorwerfen. Der Umgang mit dem Körper (zumindest der lebensgroßen Weißen Mumie) verstoße zudem gegen geltende Gesetze, weshalb die Wissenschaftler zuständige Behörden zum Handeln aufrufen.

Im folgenden hat GreWi das Statement der Mumien-Wissenschaftler mit Hilfe einer Online-Übersetzung ins Deutsche übersetzt. Das Original-Statement finden Sie HIER.

Erklärung der wissenschaftlichen Gemeinschaft zum
Der Betrug der Außerirdischen Mumien

Die Unterzeichner dieses Dokuments, Mitglieder der nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft, Experten in der Studie und Erhaltung menschlicher Überreste (Mumien und Skelette) erklären folgendes:

1. In den letzten Monaten wurde die angebliche Entdeckung von „Außerirdischen Mumien“ in unserem Land durch eine unverantwortlich organisierte Desinformation verbreitet.

2. Zeugenaussagen und veröffentlichte Bilder zu diesem Fall erlauben die Feststellung, dass diese Befunde ohne Zweifel denen menschlicher Überresten entsprechen, dem kulturellen Erbe der (peruanischen) Nation zuzuordnen sind, (aber) böswillig manipuliert und sogar verstümmelt wurden, um zu kommerziellen Zwecken ein „ad hoc“-Aussehen.

Darüber hinaus steht der Ausschluss der gesamten archäologischen Zusammenhänge des Fundes völlig im Widerspruch zur wissenschaftlichen Vorgehensweise und Untersuchung dieser Art von kulturellen Funden.

3. Es obliegt nun unseren Behörden, die entsprechenden Vorwürfe zu untersuchen und Maßnahmen einzuleiten, da diese „Produktion“ zahlreiche nationale und internationale Normen verletzt hat, die den Schutz des kulturellen Erbes betreffen. Wir hoffen, dass die Behörden den Schutz und die korrekte Untersuchung dieser Überreste und ihres Fundortes anstreben, um die Plünderung und den Menschenhandel zu stoppen. Wir erwarten auch beispielhafte Sanktionen und Konsequenzen für diejenigen, die für diese Plünderung des Erbes aller Peruaner und der gesamten Menschheit verantwortlich sind.

4. Schlussendlich verletzt der kriminelle Missbrauch von Leichen für die menschliche Würde in tiefgreifende Weise. Der Missbrauch prä-kolumbianischer Mumien, wie er von dieser Organisation durchgeführt wurde, beleidigt die Anden-Kultur, in dem sie behauptet, ihre Errungenschaften seien auf außerirdische Hilfe zurückzuführen.

Wir bieten unsere besten Dienste an, um mit den Behörden zusammenzuarbeiten, um unsere Aussagen an den entsprechenden Instanzen vorzubringen. Wir bieten auch Hilfe zum Schutz unseres Erbes und Aufklärung der Öffentlichkeit über unsere Vorfahren und ihr Vermächtnis an.

Lima, 10 Juli 2017
Sonia Guillén O’negglio (DNI 04649168), Guido Lombardi Almonacín (DNI 06959233), Elsa Tomasto-Cagigao (DNI 07258405), María del Carmen Vega Dulanto (DNI 10308912), Mellisa Lund Valle (DNI 07763061), Patricia Maita (DNI 25835019), Martha Palma (DNI 10537749), Carlos Herz Sáenz (DNI 07913390), Alejandra Valverde Barbosa (DNI 48813194), Marcela Urizar Vergara (CI 11347428-9), Claudia Aranda (DNI: 20056087), Leandro Luna (DNI: 23511760).

In einem früheren Kommentar zur Berichterstattung über die „Weiße Mumie“ erklärten die Unterzeichner lediglich: „Wir möchten unsere bedenken über den hier beschriebenen Fall zum Ausdruck bringen. Mumienforschung ist eine wissenschaftliche Disziplin, in der es keinen Raum für derartig pseudowissenschaftliche Behauptungen gibt.“

Ob die angesprochenen lokalen Behörden tatsächlich gegen die an der Untersuchung beteiligten Personen und Gaia vorgehen, ist trotz einiger lokaler Medienberichte in dieser Richtung bislang nicht bekannt.

+ + + GreWi-Kommentar
So sehr ich die Kritik am Umgang und Vorgehen durch Gaia & Co teile (siehe obiges GreWi-Kommentar) so sehe ich zugleich auch die Voreingenommenheit der Unterzeichner der Erklärung kritisch, die – ohne die Mumie selbst bislang direkt untersucht zu haben – einen Schwindel unterstellen, nur weil die bisherige Untersuchung sich dem üblichen wissenschaftlichen Prozedere entzogen hat und es (bislang) keine notwendige ordentliche archäologische Erschließung und Dokumentation des Fundes und des Fundortes gab. Auch die Behauptung, die Hypothese darüber, dass eine Kultur einst „außerirdische Hilfe“ bzw. Besucher hatte, sei dieser Kultur und ihrer Errungenschaften „unwürdig“ und entsprechende Behauptungen grundsätzlich „pseudowissenschaftlich“, halte ich persönlich für unsachlich, unterstütze allerdings die Forderung danach, derartige Behauptungen dann auch zu beweisen.

Zweifelsohne weist die „Weiße Mumie“ einzigartige Merkmale auf, die es wissenschaftlich zu untersuchen und zu erklären gilt. Dieser Situation müssen sich sowohl Gaia & Co als auch die örtlichen Archäologen stellen. Vor dem Hintergrund der bereits vorliegenden aufwendigen Analysen (CAT- und Röntgen-Scans, C14-Datierungen und DNA-Analysen…) sollte von beiden Seiten deshalb eher eine ergebnisoffene Kooperation statt eine Konfrontation angestrebt werden.

…GreWi wird natürlich weiterhin berichten.

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