Gletscher-These zum Transport der Steine von Stonehenge widerlegt
Perth (Australien) – Die Frage, wie einige der tonnenschweren Steine zum Bau des Steinkreises von Stonehenge von Wales nach Südengland gelangt sind, bewegt Archäologen schon lange. Eine neue Studie widerlegt nun jene These, wonach die sogenannten Blausteine als Findlinge mit Gletschern in die Salisbury Plains gelangten. Stattdessen müssen die Steine gezielt von Menschen transportiert worden sein.

Copyright: A. Müller f. grewi.de
Inhalt
Wie Anthony J. Clarke und Christopher L. Kirkland von der Curtin University und aktuell im Fachjournal „Communications Earth & Environment“ (DOI: 10.1038/s43247-025-03105-3) berichten, wurde diese sogenannte Gletscher-Transport-Theorie zwar häufig in Dokumentationen und Online-Debatten aufgegriffen, jedoch bislang nie mit modernen geologischen Methoden systematisch überprüft. Genau hier setzt eine neue Studie an. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Steine von Stonehenge wurden nicht durch Eisbewegungen dorthin verfrachtet.
Mineralogischer Fingerabdruck
Hierzu nutzten die Forschenden erstmals eine hochpräzise mineralogische „Fingerabdruck“-Methode. Anstatt nach offensichtlichen Spuren früherer Vergletscherung zu suchen – etwa nach Moränen, geschrammtem Fels oder typischen Landschaftsformen –, konzentrierten sich die Forschenden auf mikroskopisch kleine Hinweise. Denn wenn Gletscher tatsächlich Gesteinsmaterial aus Wales oder Schottland bis zur Salisbury Plain transportiert hätten, hätten sie dabei zwangsläufig Millionen winziger Mineralpartikel mitgeführt und abgelagert.
Im Fokus der Analysen standen dabei die Minerale Zirkon und Apatit, die in Sandkörnern von Flüssen vorkommen. Beide enthalten geringe Mengen an Uran, das über lange Zeiträume mit bekannter Geschwindigkeit zu Blei zerfällt. Mithilfe der sogenannten Uran-Blei-Datierung lässt sich so das Alter einzelner Mineralkörner bestimmen – und damit ihre geologische Herkunft. Da Gesteine in Großbritannien regional sehr unterschiedliche Alter aufweisen, fungieren diese Mineralalter gewissermaßen als Herkunftsnachweis.
Um diese Hypothese zu testen, sammelte das Team Sandproben aus Flüssen rund um Stonehenge und analysierte mehr als 700 einzelne Zirkon- und Apatitkörner. Das Resultat fiel überraschend klar aus: Nahezu kein einziges Korn wies Altersmerkmale auf, die zu den bekannten Herkunftsregionen der Blausteine in Wales oder des Altarsteins in Schottland passen würden.
Zirkon erwies sich dabei als besonders aufschlussreich. Die extrem widerstandsfähigen Kristalle können geologische Prozesse über Milliarden Jahre überstehen. Die analysierten Zirkone aus den Flüssen der Salisbury Plain deckten zwar einen enormen Zeitraum von etwa 2,8 Milliarden bis 300 Millionen Jahren ab, konzentrierten sich jedoch stark auf einen Altersbereich zwischen 1,7 und 1,1 Milliarden Jahren. Diese Altersverteilung entspricht exakt der sogenannten Thanet-Formation, einer weitverbreiteten Sandschicht, die einst große Teile Südenglands bedeckte und später erodiert wurde. Die heutigen Fluss-Sande stammen demnach aus lokalen, sehr alten Sedimenten und nicht aus jungem, eiszeitlichem Material.
Keine eiszeitlichen Gletscher bis Stonehenge
Auch die Apatit-Körner erzählten eine klare Geschichte. Sie waren ausnahmslos etwa 60 Millionen Jahre alt – eine Zeit, in der Südengland von einem flachen, subtropischen Meer bedeckt war. Dieses Alter passt zu keiner potenziellen Gesteinsquelle in Wales oder Schottland. Stattdessen erklären die Forschenden die Apatit-Daten mit weit entfernten geologischen Prozessen: Der Gebirgsbildung der Alpen, deren tektonische Spannungen und heiße Fluide die Uran-Blei-Uhr der Minerale neu „gestellt“ haben. Auch Apatit ist somit kein eiszeitlicher Fremdling, sondern seit vielen Millionen Jahren Teil der lokalen Geologie.
Zusammen liefern diese mikroskopischen Befunde ein starkes Argument gegen die Gletscher-Transport-Theorie. Wären Gletscher bis zur Salisbury Plain vorgedrungen, hätten sie ein deutlich erkennbares mineralogisches Erbe hinterlassen. Dass dieses fehlt, spricht klar gegen eine natürliche Anlieferung der Steine.
Die Studie fügt der Geschichte von Stonehenge damit ein weiteres wichtiges Puzzlestück hinzu. Sie stärkt die Annahme, dass die monumentalen Steine nicht zufällig vor Ort lagen, sondern bewusst ausgewählt, über weite Strecken transportiert und aufgestellt wurden – eine bemerkenswerte Leistung prähistorischer Gesellschaften.
WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
xxx
Quelle: Curtin University
© grenzwissenschaft-aktuell.de