Dritter Mann: Mediziner untersuchen “Psychosen in großen Höhen und entdecken neues Krankheitsbild”


Symbolbild: Bergsteiger.

Copyright: Public Domain (Bearb. grewi.de)

Insbruck (Österreich) – Ein Bergsteiger fühlt sich verfolgt, redet wirres Zeug oder ändert grundlos seine Route: Dass Alpinisten in extremen Höhen psychotische Episoden erleiden können, ist vielfach in der Bergliteratur dokumentiert. Bislang brachten Mediziner dieses Verhalten hauptsächlich mit der akuten Höhenkrankheit in Verbindung. Notfallmediziner haben nun psychotische Episoden in extremen Höhen einer systematischen wissenschaftlichen Analyse unterzogen und dabei ein neues Krankheitsbild entdeckt: Die isolierte höhenbedingte Psychose.

Als Jeremy S. Windsor im Jahr 2008 den Mount Everest bestieg, machte er in den einsamen Bergen eine seltsame Erfahrung, die er mit vielen Extrembergsteigern teilt. Auf 8200 Höhenmetern traf er einen Mann namens Jimmy, der ihn den ganzen Tag begleitete, einige ermunternden Worte zu ihm sprach und dann spurlos verschwand.

Wie das Team um Katharina Hüfner und Hermann Brugger von Eurac Research und Psychiater der Medizinischen Universität Innsbruck aktuell im Fachjournal “Psychological Medicine” (DOI: 10.1017/S0033291717003397) berichten, sind es Erzählungen wie diese, die in der Alpinliteratur häufig vorzufinden sind. 80 dieser, wie es die Forscher bezeichnen, “psychotischen Episoden” aus der deutschen Bergliteratur haben die Wissenschaftler nun gesammelt und ihre Symptome systematisch analysiert.

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Unter der Bezeichnung “Phänomen des Dritten Mannes” führten Mediziner Erlebnisse wie sie von Jeremy Windsor berichtet wurden, sowie andere akustische, optische und olfaktorische Halluzinationen auf organische Ursachen zurück – und tatsächlich treten sie neben Symptomen wie starken Kopfschmerzen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen häufig als Begleiterscheinung eines Hirnhöhenödems auf. “Durch die Studie haben wir herausgefunden, dass es aber auch eine Gruppe von Symptomen gibt, die rein psychotisch sind, das heißt, dass sie zwar mit der Höhe zusammenhängen, jedoch weder auf ein Höhenhirnödem noch auf andere organische Faktoren wie Flüssigkeitsverlust, Infektionen oder organische Erkrankungen zurückzuführen sind”, erläutert Brugger das neu entdeckte Krankheitsbild.

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Meist treten isolierte höhenbedingte Psychosen über 7.000 Höhenmetern auf. Über ihre Ursachen können die Forscher derzeit nur Mutmaßungen anstellen: “Faktoren wie Sauerstoffmangel, der Umstand, völlig auf sich allein gestellt zu sein und eine beginnende Schwellung in gewissen Hirnregionen könnten die Psychose auslösen. Soweit bekannt, verschwinden die Symptome vollständig, sobald die Alpinisten die Gefahrenzone verlassen und vom Berg absteigen – außerdem erleiden sie keine Folgeschäden. Diese Erkenntnis erlaubt es uns, vorübergehende Psychosen an ansonsten völlig gesunden Menschen genauer zu untersuchen, das kann uns wichtige Hinweise zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten wie zum Beispiel der Schizophrenie geben”, führt Katharina Hüfner weiter aus.

Hintergrund
Dritter Mann: Neurologen erzeugen Geister-Illusion
2014 ist es Neurologen unter Laborbedingungen gelungen, die Illusion eines geisterhaften Begleiters zu simulieren, von der auch schon die Bergsteigerlegende Reinhold Messner berichtete: Am 29. Juni 1970 war Messner gemeinsam mit seinem Bruder beim auszehrenden Abstieg vom Nanga Parbat. Frierend, erschöpft und von Sauerstoffarmut mitgenommen, berichtete Messner später von einer höchst eigenartigen Erfahrung in der kargen Landschaft, die er mit vielen Bergsteigern und Extremüberlebenden teilt: “Plötzlich war da ein dritter Mann, der mir den Weg gewiesen hat. Dieser dritte Mann ging sogar voraus, ich habe ihn sogar gesehen”. Auch Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Störungen berichten von ähnlichen Wahrnehmungen unsichtbarer Begleiter, Schutzengel oder auch Dämonen.

Einem Team um Giulio Rognini und Olaf Blanke von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), war es in Experimenten gelungen, eine solche “Illusion”, also die Vorstellung von der Anwesenheit eines unsichtbaren Begleiters, im Labor gezielt zu erzeugen (…GreWi berichtete).

Wie die Forscher berichten, handele es sich bei dieser Illusion um das Ergebnis einer Veränderung sensormotorischer Hirnsignale, die durch die Verarbeitung von Informationen über unsere Bewegungen und unserer Position im Raum auch an der Erzeugung unserer Eigenwahrnehmung beteiligt sind.

In ihrem Experiment, griffen die Wissenschaftler in den sensormotorischen Input der Teilnehmer derart ein, dass sie eine Situation erzeugten, in der das Hirn der Probanden entsprechen eingehende Signale nicht mehr länger als Signale des eigenen Körpers, sondern die einer anderen Person wahrnahm.


Im Experiment.
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Alain Herzog/EPFL

Hierzu untersuchten die Forscher zunächst die Hirne von 12 Teilnehmern mit neurologischen Schäden mittels MRT. Hierbei handelte es sich vornehmlich Epilepsiepatienten, die schon zuvor von der beschriebenen Form von Erscheinungen berichtet hatten. Die Untersuchungen zeigten Beeinträchtigungen dreier Regionen: der Inselcortex, des vorderen parietalen Cortext und des tempo-parietalen Cortex. Alle drei Regionen tragen zur Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum bzw. der Lage/Stellung einzelner Körperteile zueinander, der sog. Propriozeption, bei.

Danach sollten gesunde Teilnehmer mit verbundenen Augen Handbewegungen vor ihrem Körper ausführen, während ein Roboterarm hinter ihnen, diese Bewegungen in Echtzeit imitierte und die Testpersonen so auf dem Rücken berührte (s. Video). Das Ergebnis dieses sogenannten Dissonanz-Experiments ist eine Art räumliche Diskrepanz zwischen den synchronisierten Bewegungen des Roboters, an die sich das Hirn gesunder Testperson jedoch anpassen und diese ausgleichen kann.

In einem nächsten Schritt verzögerten die Forscher nun diese Übereinstimmung zwischen der Eigenbewegung der Testpersonen und der Umsetzung dieser durch den Roboterarm. Anhand dieser nun asynchronen Verbindung, wurden die zeitlichen und räumlichen Wahrnehmungen der Testperson verzögert und derart gestört, das es zur Wahrnehmung einer nicht vorhandenen Person kam.

Nach etwa drei Minuten verzögerter Umsetzung der Eigenbewegungen durch den Roboter, befragten die Forscher die Probanden, die über Sinn und Ziel des Experiments nicht informiert waren, wie sie sich fühlten.

“Geradezu instinktiv berichteten einige unserer Testpersonen von einem starken Empfinden der Anwesenheit von bis zu vier Geistern”, berichtet Rognini. “Für einige war dieses Gefühl sogar derart stark, dass sie darum baten, das Experiment abzubrechen.”

Relevant seien die aktuellen Studienergebnisse auch, weil das Syndrom das Risiko von Unfällen erhöht: “Es ist äußerst wichtig, dass Extrembergsteiger über diese vorübergehenden Phänomene informiert werden”, so Brugger und Hüfner und erklären dazu weiter: “Vermutlich gibt es eine Dunkelziffer von Unfällen und Todesfällen infolge von Psychosen. Um die Gefahr solcher Unfälle zu reduzieren, sei es von großer Bedeutung kognitive Behandlungsstrategien zu verbreiten, die die Bergsteiger selbst, oder mit ihrem Partner, direkt am Berg anwenden können.”

Im kommenden Frühjahr werden wollen die Forscher in Zusammenarbeit mit nepalesischen Ärzten weitere Untersuchungen im Himalaya-Gebiet durchführen. Hier wollen sie unter anderem herausfinden, wie häufig die Krankheit auftritt.

+ + + GreWi-Kommentar
Aus grenzwissenschaftlicher Sicht wäre es sicherlich interessant zu untersuchen, ob es Begegnungen mit dem beschriebenen “Dritten Mann” auch gibt, ohne dass sich weder organische noch psychotische Begleitsymptome einstellten. Derartige Erfahrungen lediglich auf höheninduzierten “Wahnsinn” zurückzuführen (so wie es der Titel der Presseinfo des Eurac Research “Der Berg kann uns in den Wahnsinn treiben” nahe legt), erscheint mir angesichts der Komplexität derartiger “Geistererfahrungen” dem Gesamtphänomen nicht gerecht zu werden.

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