Registrierte „intelligente“ Überwachungskamera einen Geist?

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Zeigt diese Aufnahme einer Überwachungskamera den Geist von Robbie Hodge?
Copyright/Quelle: Jennifer Bryant Hodge, Realty4Rehab.com

Atlanta (USA) – Im Internet wimmelt es von Fotos und Videos, die angeblich Geister zeigen sollen. In den meisten Fällen, lassen sich die Aufnahmen jedoch entweder als Täuschung, Reflektionen, fantasievolle Deutung gewöhnlicher Objekte oder gar Schwindel entlarven. Eine neue Aufnahme sorgt derzeit jedoch auch unter Experten für kontroverse Diskussionen und hat offenbar auch die Sensorik einer sog. intelligenten Überwachungskamera überzeugt.

Seit dem Tod ihres damals 23 Jahre alten Sohnes Robbie an einer Überdosis im Sommer 2016 engagiert sich Jennifer Bryant Hodge aus Atlanta mit einer eigenen Kampagne „Realty4Rehab.com“ gegen Drogenmissbrauch. Es ist dieses nachweisliche persönliche Engagement und die direkte Betroffenheit der Mutter, die diesen Fall für viele Beobachter von den meisten anderen Fällen angeblicher Geisterfotos unterscheidet.

Auf ihrer Facebook-Seite machte Jennifer Bryant Hodge selbst auf den Vorfall aufmerksam:

„Gestern Nacht (1. Januar 2019) war ich mit meiner jüngsten Tochter allein zuhause und schaute in unserem Schlafzimmer fern. (…) um 24:18 Uhr blickte meine Tochter auf mein Telefon und sah hier eine Benachrichtungsmail unseres Nest-Sicherheitskamera-Systems von 23:51 Uhr, die uns darüber informierte, dass im Eingangsbereich (der Küche) eine Person registriert worden sei. Als wir das dazugehörige Foto aufriefen sahen wir dieses Bild. Jeder der meinen Sohn kannte weiß, dass es ihm gleicht, mit Bart und allem, was dazugehört. Als wir in die Küche kamen, war die Nest-Kamera in Bewegungs-Sensor-Modus, aber niemand war in der Küche. (…) Wir haben keine Ahnung, was wir davon halten sollen. Aber ich bin dennoch glücklich zu wissen, dass unser Junge immer bei uns ist.“

Hintergrund: Die „intelligente“ Nest-Cam
Bei der Kamera der Firma „Nest“ handelt es sich um ein sog. „intelligentes“ Überwachungssystem von Google. Bei ausreichender Dateneingabe kann das System über Kamera und Mikrofone nicht nur allgemeine Bewegungen im überwachten Bereich feststellen, sondern auch erkennen, ob es sich etwa um ein Tier oder einen Menschen handelt und dabei sogar den Eigentümern bekannte Personen von Unbekannten unterscheiden. Mit ausreichen „Training“ kann das System mittels der Mikrofone sogar erkennen, ob und welche Objekte in einem Raum bewegt werden, auch wenn diese außerhalb des Blickfeldes liegen. Kommt es zu einem Vorfall, nimmt das System Fotos auf und sendet diese – gemeinsam mit der entsprechenden Info-Nachricht – an das Mobiltelefon des Besitzers. Im aktuellen Fall lautete diese Information “Your Entryway camera spotted a person at 11:51PM, 1/5/19”. In der deutschen Version der Nest-Kamer entspräche dies der Nachricht: „Deine Kamera hat eine Person im Eingangsbereich entdeckt.“

Jennifer Bryant Hodge beteuerte gegenüber Journalisten, dass sie selbst zuvor und seither noch nie einen Geist gesehen habe. Sie selbst deutet den Vorfall als eindeutiges Zeichen ihres Sohnes dafür, „dass es ihm im Himmel gut geht“. Wer möchte die trauernde Mutter hier von etwas anderem überzeugen?

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Dennoch sorgt die Geschichte erwartungsgemäß für zahlreiche Diskussionen. Während die einen in der Aufnahme einen eindeutigen Geisterbeweis sehen, vermuten andere rationale Erklärungen oder unterstellen Bryant Hodge sogar gezielten Schwindel, um die eigene Kampagne zu fördern. Andere wiederum sehen darin eine virale Werbestrategie des Kameraherstellers.

Der kritische Spuk-Untersucher und Autor des Blogs „The Occult Section“ Jason Stroming kommentiert den Vorfall und zahlreiche Reaktionen darauf wie folgt:

„Während ich selbst für gewöhnlich sehr skeptisch bin, wenn es um ‚Geister‘ auf Sicherheitskamera-Aufnahmen geht, muss ich doch eingestehen, dass mich diese Geschichte fasziniert. (…) Obwohl ich den Vorfall nicht spontan erklären kann, stellen sich doch einige Fragen und es gilt einige Aspekte kritisch zu bedenken, bevor man hier von einem echten Geisterbeweis sprechen sollte.

Ja, das Foto ist zunächst beeindruckend und es scheint keine schnelle Erklärung dafür zu geben. Dennoch gilt es folgende Aspekte zu bedenken: Zunächst und zu allererst ist – wie bei den meisten paranormalen Aufnahmen – zu bemerken, dass die Aufnahme selbst eher verschwommen und grobkörnig ist, was die Unterscheidung von Bilddetails erschwert. Es ist schwer zu sagen, wo das eigentliche Bild endet und vielleicht unsere Fantasie beginnt. Auch der Umstand, dass das Bild nur schwarz-weiß ist, macht diese Situation nicht leichter. Es sieht wie eine menschliche Figur aus – aber bedeutet das auch, dass es tatsächlich ein Mensch (oder dessen Geist) ist? Die Figur selbst wirkt unschärfer als ihre Umgebung. Das ist für mich zunächst ein interessanter Umstand.

Unabhängig von der der Deutlichkeit der Aufnahme (…oder eben der nicht vorhandenen Deutlichkeit), müssen wir auch die verwendete Technik in Betracht ziehen: Es handelt sich um eine ziemlich niedrig-auflösende Digitalkamera und gerade Digitalkameras sind dafür bekannt, dass sie ziemlich bizarr erscheinende Anomalien erzeugen können. (Anm. GreWi: Tatsächlich sehen wir auf der Aufnahmen gleich zahlreiche bekannte digitale Störeffekte und Artefakte.) Manchmal erhält etwa die Sensorik der Kameras Werte, die sie schlichtweg nicht korrekt verarbeiten und exakt auswerten kann, was dann zu sonderbaren Ergebnissen führt. Berücksichtigt man dann das Phänomen der sog. Pareidolie (wenn unser Gehirn gerade in chaotischen Mustern, wie Wolken oder Gesteinsformationen, bekannte Dinge zu erkennen glaubt) so entsteht schnell auch mal ein Geist in der Kamera.

Eine weitere technologische Erklärung könnte darin liegen, dass es sich um das digitale latente Nachbild einer Person handelt, die kurz vor der Aufnahme in der Küche war. Mutter und Tochter waren ja zuhause – könnten also zuvor kurz durch die Küche gegangen sein, was bei der Kamera zu einer Verzögerung in der Datenverarbeitung und dem entsprechend verschwommenen Nach-Bild geführt haben könnte. Das ist vielleicht etwas weit hergeholt (Anm. GreWi: da dieser Effekt ja schon zuvor und später beobachtet worden wäre?), aber zunächst für viele vermutlich wahrscheinlicher als die Vermutung, dass wir hier einen echten Geist sehen.

Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass es sich hier schlichtweg um einen Schwindel handelt. Allerdings bezweifle ich, dass eine Mutter so etwas fälschen würde, die ihren Sohn auf derart tragische Weise verloren hat. Ganz ausschließen kann man es aber (leider) nicht.

Schlussendlich weiß ich nicht, was wir hier sehen. Die Figur sieht recht schlank aus, während der beschriebene Sohn eher muskulös und größer wirkte (s. Abb. l.; Quelle/Copyright: Realty4Rehab.com). Es sieht zudem so aus, als trage die Person eine Art Kleid oder Krankenhausnachthemd. Und der beschriebene „Bart“ wird erst deutlich, wenn man das Foto enorm verstärkt. All das macht mich etwas stutzig.“

Abschließend kommt zumindest Stroming zu einer eher zurückhaltenden Bewertung: „Alles in allem ist es zumindest eine interessante Geschichte, aber wie so viele angebliche Beweise für das Paranormale ist auch dieser Vorfall zu vieldeutig, als dass man darüber allzu sehr in Begeisterung geraten sollte.“

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