Grund für Wohlstand: Wikingerfrauen waren den Männern nahezu gleichgestellt

Lesezeit: ca. 3 Minuten
Symbolbild: Wikinger Copyright: Gemeinfrei

Symbolbild: Wikinger
Copyright: Gemeinfrei

Tübingen (Deutschland) – Eine Auswertung der Gesundheitsdaten in den ländlichen Regionen Skandinaviens seit dem späten 8. Jahrhundert verweist auf eine relativ günstige, den Männern vermutlich annähernd gleichgestellte Stellung der Frauen. Forscher sehen darin die Wurzel dafür, dass skandinavische Länder noch heute als Vorbild bei der Gleichstellung von Mann und Frau gelten und dass diese Länder auch heute noch wirtschaftlich wohlhabend sind.

Wie Dr. Laura Maravall und Professor Jörg Baten von der Universität Tübingen aktuell im Fachjournal „Economics and Human Biology“ (DOI: 10.1016/j.ehb.2019.05.007) berichten, haben sie anhand der Daten von Männern und Frauen aus den vergangenen tausend Jahren bestimmte Gesundheitswerte miteinander verglichen, die auch lange nach dem Tod anhand von Zähnen und Skeletten erhoben werden können.

„Ergaben sich in einer Population gleich gute oder sogar bessere Werte für die Frauen, gingen die Forscher von relativ gleichem Zugang zu Nahrung und anderen Ressourcen für Mädchen und Jungen aus“, erläutert die Pressemitteilung der Universität.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER können Sie den täglichen kostenlosen GreWi-Newsletter bestellen +

Anhand der Ergebnisse schlussfolgern die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, dass skandinavische Frauen in ländlichen Regionen bereits während der Wikingerzeit, im späten 8. bis 11. Jahrhundert, und des darauffolgenden Mittelalters eine „vergleichsweise günstige Stellung“ innehatten. Allgemein habe diese höhere Geschlechtergleichstellung langfristig eine bessere Entwicklung begünstigt.

Hintergrund
Grundlage der Studie waren Daten aus dem europäischen Teil des Global History of Health Project (GHHP), in dem Untersuchungen an menschlichen Skeletten von mehr als hundert europäischen Fundorten aus den vergangenen 2.000 Jahren zusammengetragen wurden. Die Forscher werteten vor allem die Daten zum Zustand der Zähne aus: Bei Mangelernährung und Krankheit während der frühen Kindheit entstehen dauerhafte linienartige Schäden auf den Zähnen, der Befund heißt lineare Schmelzhypoplasie. „Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass bei Mädchen und Frauen relativ mehr solcher Schädigungen zu finden sein müssten, wenn sie weniger Nahrung und Pflege erhielten als die männlichen Mitglieder der Gesellschaft“, erklärt Laura Maravall. „Wie stark sich die Werte bei Männern und Frauen unterscheiden, ist daher auch ein Maß für die Gleichstellung innerhalb der Population.“ Dass ein enger Zusammenhang zwischen der relativen Häufigkeit der Zahnschmelzschäden und dem allgemeinen Gesundheitszustand besteht, belegten die parallel erhobenen Längenmessungen der Oberschenkelknochen. Dieses Maß gibt Auskunft über die Körperlänge, die bei guter Ernährung und Gesundheit größer ausfällt.
Quelle: Universität Tübingen

Die detaillierte Analyse der Zahndaten für skandinavische Männer und Frauen auf dem Land verweise auf eine weitgehende Gleichstellung schon zu Zeiten der Wikinger. „Diese Frauen in den nordischen Ländern könnten populäre Mythen über die Walküren genährt haben: Sie waren stark, gesund und hochgewachsen“, sagt Jörg Baten. Ein anderes Bild ergeben die Analysen hingegen für größere Städte Skandinaviens. „Im schwedischen Lund und Sigtuna, der Vorgängersiedlung des heutigen Stockholms, wie auch im norwegischen Trondheim hatten sich im frühen Mittelalter bereits verschiedene Stände herausgebildet. Die Frauen erreichten dort nicht die Gleichstellungswerte wie auf dem Land.“ Dort könnte die frühe Gleichstellung mit der Spezialisierung auf Viehhaltung zusammenhängen. „Anders als beim Ackerbau, der wegen der höheren Muskelkraft vor allem von Männern betrieben werden musste, konnten Frauen bei der Viehhaltung viel zum Familieneinkommen beitragen. Das hob wahrscheinlich ihre Stellung in der Gesellschaft“, sagt der Forscher. Auch im europäischen Vergleich standen die skandinavischen Frauen besonders gut da. Deutlich weniger Gleichstellung erfuhren Frauen in der Mittelmeerregion und in osteuropäischen Städten.

Hintergrund
2017 sorgte eine DNA-Analyse der Knochen eines vermeintlich mächtigen Wikingeranführers für eine wissenschaftliche Sensation, zeigte sie doch, dass es sich bei dem 1878 auf der schwedischen See-Insel Björkö entdeckten und voll ausgestatteten Kriegergrab (s. Abb.) nicht – wie bislang angenommen – um das eines Mannes, sondern einer Frau aus dem 8. Jahrhundert handelte.

Wie das Forscherteam der Universität Stockholm im Fachblatt “American Journal of Physical Anthropology” damals berichtete, deuteten Überlieferungen zwar auf weibliche Kriegerinnen unter den Wikingern hin, bislang hatte man aber noch nie archäologische Beweise dafür gefunden, geschweige denn für eine Frau mit derartigem militärischen Status wie auf Björko. Der Fund sowie historische Überlieferungen stellen seither das Bild einer streng patriarchisch beherrschten, kriegerischen Wikinger-Gesellschaft und ihrer Anführer in Frage.

„Aus der Forschung kennen wir mittlerweile viele Belege zum Zusammenhang zwischen der Gleichstellung der Geschlechter und der Wirtschaftsentwicklung eines Landes. Die Gleichstellung steigert nicht nur den Wohlstand der Frauen, sondern beeinflusst allgemein das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung positiv“, sagt Baten.

Zum Thema

Seine Kollegin Maravall und er gehen davon aus, dass die skandinavischen Frauen ihre starke Rolle in der Gesellschaft bis in die Industrialisierung und danach weiter fortsetzen konnten. Daher sei es kein Zufall, dass Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland bis heute wohlhabende und wirtschaftlich stabile Nationen seien.

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Auch Computersimulation belegt Mythos vom „Sonnenstein“ der Wikinger 5. April 2018

Quelle: Universität Tübingen

© grenzwissenschaft-aktuell.de