Außerkörperliche Erfahrungen: Bewältigungsstrategien statt psychotisches Symptom
Charlottesville (USA) – Eine neue Untersuchung von Wissenschaftlern der University of Virginia (UVA) stellt bisherige, rein medizinische Annahmen über sogenannte Außerkörperliche Erfahrungen (engl. Out-of-Body Experiences, OBE), also das Empfinden, den physischen Körper verlassen zu haben, infrage. Demnach könnten diese Phänomene, bei denen Betroffene das Gefühl haben, ihren physischen Körper zu verlassen, weniger Ausdruck psychischer Erkrankungen sein als vielmehr eine natürliche Reaktion auf traumatische Ereignisse – insbesondere in der Kindheit.

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Die Veröffentlichung der Studienergebnisse des Teams um die Neurowissenschaftlerin Dr. Marina Weiler von der HHH aktuell im Fachjournal „Personality and Individual Differences“ (DOI: 10.1016/j.paid.2025.113292) könnten einen wichtigen Impuls für einen Paradigmenwechsel in der medizinischen und psychologischen Bewertung solcher Erfahrungen liefern.
OBEs: Trauma statt Pathologie?
Traditionell galten OBEs in der klinischen Psychologie als Indikatoren für psychische Instabilität oder Erkrankungen – ein Bild, das laut den Studienautoren einer dringenden Revision bedarf. Weiler, die an der medizinischen Fakultät der UVA sowie an der dortigen Division of Perceptual Studies forscht, betont: „Wenn wir OBEs nicht länger als Symptome einer Pathologie, sondern als Bewältigungsstrategien begreifen – insbesondere als Reaktion auf Trauma –, eröffnet dies neue Wege für Forschung, Therapie und gesellschaftliches Verständnis.“
Im Zentrum der neuen Studie stand die Frage, warum Erfahrungen, die von vielen Betroffenen als bereichernd und heilsam beschrieben werden, medizinisch weiterhin vornehmlich mit Krankheit gleichgesetzt werden. Denn während frühere Untersuchungen eine statistische Verbindung zwischen OBEs und schlechter psychischer Gesundheit nahelegten, zeigen detaillierte Analysen nun ein differenzierteres Bild.
Positive Aspekte außerkörperlicher Erfahrungen
In der Studie werden unter anderem frühere Umfragen zitiert, in denen 55 % der Teilnehmer angaben, dass ihre OBE ihr Leben dauerhaft verändert habe. 71 % berichteten von langfristigen positiven Effekten, und rund 40 % bezeichneten die Erfahrung sogar als das „größte Ereignis“ ihres Lebens. Viele der Befragten erklärten zudem, dass sie nach ihrer OBE offener gegenüber existenziellen Fragen seien, ein gesteigertes inneres Gleichgewicht empfänden und weniger Angst vor dem Tod hätten.
Allerdings führte die gesellschaftlich und medizinisch oft pathologisierende Sichtweise dazu, dass viele Betroffene aus Angst vor Stigmatisierung über ihre Erlebnisse schwiegen – selbst gegenüber Therapeuten. „Viele glauben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie eine OBE haben, und behalten ihre Erfahrung daher für sich“, sagt Weiler.
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Das Team um Weiler führte nun zunächst eine Online-Befragung unter OBE-Erfahrenen durch. Neben der subjektiven Gewissheit, eine „echte“ OBE erlebt zu haben, erfasste der Fragebogen auch medizinische und psychische Krankengeschichten der Teilnehmenden. Dabei zeigten sich mehrere markante Trends:
80 % der Befragten berichteten von ein bis vier OBEs, 20 % sogar von fünf oder mehr.
74 % beschrieben ihre Erfahrung als spontan.
9 % berichteten von OBE in Verbindung mit psychoaktiven Substanzen.
8,2 % führten ihre Erlebnisse auf Meditation oder Visualisierung zurück.
Nur 0,7 % nannten Hypnose als Auslöser.
Auffällig: Je jünger die Betroffenen bei ihrer ersten OBE waren, desto höher war auch die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Diagnose. Zudem berichteten die meisten über signifikant höhere Werte für Kindheitstraumata als Nicht-Betroffene.
Daraus schließen die Forscher, dass OBEs eher als dissoziative Reaktion auf extremen Stress oder emotionale Belastung zu werten sind – nicht als Ursache psychischer Störungen.
Ausblick: Neue Perspektiven für Therapie und Forschung
Die Studienautoren plädieren dafür, OBEs künftig differenzierter zu betrachten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass OBEs in vielen Fällen eine Bewältigungsstrategie darstellen“, so Weiler. „Daher fordern wir Fachkräfte im psychischen Gesundheitswesen auf, ihre Haltung gegenüber solchen Erfahrungen zu überdenken und Betroffene offener und sensibler zu begleiten.
Ziel sei es, das Stigma zu reduzieren, das Betroffene bislang von professioneller Hilfe abhält, sowie den Aufbau von Gemeinschaften und psychischer Resilienz zu fördern. Weitere Studien zur Qualität und Ausrichtung therapeutischer Angebote für OBE-Erfahrene könnten helfen, gezieltere und heilsamere Behandlungsansätze zu entwickeln.
„Letztlich hoffen wir, mit unserer Arbeit einen Beitrag dazu zu leisten, dass Betroffene sich ernst genommen fühlen, sich Hilfe suchen – und dass OBEs nicht länger vorschnell als krankhaft abgetan werden“, so Weiler abschließend.
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Recherchequelle: xxx
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