Industriekomplex gestoppt: Schutz des Paranal-Himmels gesichert
München (Deutschland) – Lange Zeit sah es aus, als würde ein gewaltiger Industriekomplex in unmittelbarer Nähe des Paranal-Observatoriums die dortigen Himmelsbeobachtungen des Europäischen Südsternwarte (ESO) in der nordchilenischen Atacama-Wüste gefährden. Nach Protestnoten und Untersuchungen hat das beteiligte Energieunternehmen AES Andes nun angekündigt, sich aus dem Großprojekt zurückzuziehen.

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Wie die ESO berichtet, sei damit eine Entwicklung abgewendet, die eine massive Bedrohung für einen der dunkelsten und klarsten Nachthimmel der Erde dargestellt hätte (…GreWi berichtete). Die ESO erwartet nun den formellen Rückzug des Projekts beim chilenischen Umweltdienst.
Erhebliche Risiken für Spitzenastronomie identifiziert
Der INNA-Komplex war als Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak geplant. Eine im Vorjahr vorgelegte technische Analyse der ESO kam jedoch zu dem Schluss, dass der vorgesehene Standort erhebliche und irreversible Auswirkungen auf den Betrieb der umliegenden Observatorien gehabt hätte. Zu den identifizierten Risiken zählten vor allem zunehmende Lichtverschmutzung, Mikrovibrationen, Staubemissionen sowie veränderte Luftturbulenzen. Betroffen gewesen wären unter anderem das Very Large Telescope (VLT), das VLT-Interferometer, das im Bau befindliche Extremely Large Telescope (ELT) sowie das Gammastrahlenobservatorium CTAO-South. Aus Sicht der ESO hätte INNA damit nicht nur einzelne Instrumente beeinträchtigt, sondern die astronomische Leistungsfähigkeit des gesamten Standorts grundlegend gefährdet.
Signalwirkung für Schutz dunkler Himmel
Die Entscheidung von AES Andes wird von der ESO ausdrücklich begrüßt und zugleich als Signal für die Notwendigkeit klarer Schutzregelungen rund um astronomische Spitzenstandorte verstanden. Zwar betont die ESO ihre grundsätzliche Unterstützung für die Dekarbonisierung des Energiesektors und für Projekte im Bereich erneuerbarer Energien. Voraussetzung sei jedoch, dass industrielle Vorhaben in ausreichendem Abstand zu sensiblen Forschungsinfrastrukturen realisiert werden. Der Fall INNA mache deutlich, wie dringend verbindliche Schutzmaßnahmen für den außergewöhnlich dunklen Himmel Nordchiles seien, der international als bestes Fenster zur optischen Astronomie gilt.
Zugleich hebt die ESO das breite Engagement hervor, mit dem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger sowie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in Chile und weltweit für den Erhalt des Paranal-Himmels eingesetzt haben. Diese Unterstützung habe maßgeblich dazu beigetragen, die Risiken des Projekts öffentlich sichtbar zu machen. Die ESO kündigt an, ihre Anstrengungen zum Schutz dunkler Himmel weiter zu verstärken – nicht nur gegen industrielle Lichtquellen, sondern auch im Kontext wachsender Herausforderungen durch Lichtverschmutzung und Satelliteninterferenzen. Ziel bleibt es, den Himmel über dem Paranal langfristig als einzigartiges Natur- und Wissenschaftserbe zu bewahren.
Schutz der dunklen Nacht auch hierzulande
Auch in Deutschland wächst das Engagement für den Schutz des nächtlichen Sternenhimmels. Zwar erreicht dessen Klarheit nicht das Niveau der Atacama-Wüste, doch ermöglicht er auch hierzulande eindrucksvolle Himmelsbeobachtungen. Gleichzeitig nimmt die Lichtverschmutzung durch künstliche Nachtbeleuchtung stetig zu. Davon betroffen sind nicht nur Astronomie-Begeisterte, sondern auch Umwelt und Tierwelt. Initiativen wie das saarländische Projekt „Sternenland“ oder bundesweit aktive Gruppen wie die „Paten der Nacht“ setzen sich daher zunehmend für den Erhalt der natürlichen Nacht ein.
Lichtverschmutzung bezeichnet die fortschreitende Aufhellung des Nachthimmels durch elektrisches Kunstlicht. Seit der Einführung der elektrischen Beleuchtung im späten 19. Jahrhundert hat diese Entwicklung kontinuierlich zugenommen. Besonders Straßenbeleuchtung und großflächige Illuminationen führten früh zu messbaren Veränderungen. Einen neuen Höhepunkt markiert heute die LED-Technik: Sie ist günstig, energieeffizient und wird nahezu flächendeckend eingesetzt – oft dauerhaft und ohne funktionale Notwendigkeit.
Die drastisch gesunkenen Kosten für künstliches Licht haben dessen Nutzung massiv ausgeweitet. Während im 19. Jahrhundert Licht noch ein kostbares Gut war, ist es heute jederzeit und nahezu unbegrenzt verfügbar. Die Folgen sind gravierend: Der Nachthimmel wird immer heller, enorme Energiemengen werden verschwendet, und allein in Europa entstehen jährlich Kosten in Milliardenhöhe durch unnötige Beleuchtung. Die Lichtverschmutzung wächst dabei weiter – europaweit um mehrere Prozent pro Jahr.
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Quelle: ESO
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