Gigantopithecus blacki: Ausgestorbener Riesenaffe ist Urzeit-Verwandter heutiger Orang-Utans

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Künstlerische Gesichtsrekonstruktion eines Gigantopithecus blacki, basierend auf der Verandtschaft zu heute lebenden Orang-Utans (Illu.).  Copyright: Ikumi Kayama (Studio Kayama LLC)

Künstlerische Gesichtsrekonstruktion eines Gigantopithecus blacki, basierend auf der Verandtschaft zu heute lebenden Orang-Utans (Illu.). 
Copyright: Ikumi Kayama (Studio Kayama LLC)

Kopenhagen (Dänemark) – Dänische Genetiker haben die evolutionäre Beziehung zwischen dem zwei Millionen Jahre alten Riesenprimaten Gigantopithecus blacki und heute lebenden Orang-Utans rekonstruiert. Das Ergebnis ermöglicht den Forschern eine genaue Rekonstruktion tierischer und menschlicher Evolutionsprozesse, die weit über die heute bekannten Grenzen hinausgehen. Zugleich wirft es auch ein neues Licht auf bisherige Diskussionen darüber, ob bis heute überlebende Populationen von Nachfahren des Gigantopithecus den Kern von Berichten über aufrechtgehende Großprimaten in Nordamerika und Eurasien, die als Bigfoot, Sasquatch, Almas und Yetis bekannt sind, darstellen könnten.

Wie das Team um Frido Welker von der Universität Kopenhagen aktuell im Fachjournal „Nature“ (DOI: 10.1038/s41586-019-1728-8) berichtet, sei es das erste Mal, dass genetisches derart altes Material des aus einem Fossil in einem subtropischen Gebiet gewonnen wurde.

Mithilfe Sequenzierung alter Proteine haben Forscher genetische Informationen des vor rund 1,9 Millionen Jahren ausgestorbenen Riesenprimaten entschlüsselt, der früher in einem subtropischen Gebiet im Süden Chinas lebte. Die genetische Information ermöglicht es den Forschern, die Evolutionsposition des einst bis zu drei Meter großen und bis zu 600 Kilogramm schweren Primaten aufzuzeigen, der – wie sich nun zeigt – in Orang-Utans seine heute noch lebenden nächsten Verwandten findet.

Der Unterkiefer eines Gigantopithecus blacki. Copyright: Prof. Wei Wang, Photo retouching: Theis Jensen

Der Unterkiefer eines Gigantopithecus blacki.
Copyright: Prof. Wei Wang, Photo retouching: Theis Jensen

„Primaten sind, evolutionär betrachtet, dem Menschen sehr nahe“, erläutert Welker. „Mit dieser Studie zeigen wir, dass wir mithilfe der Proteinsequenzierung uralte genetische Informationen von Primaten abrufen können, die in subtropischen Gebieten leben, selbst wenn das Fossil zwei Millionen Jahre alt ist. Bisher war es nur möglich, genetische Informationen von bis zu 10.000 Jahre alten Fossilien in warmen, feuchten Gebieten abzurufen. Dies ist deshalb besonders interessant, da urzeitliche Überreste der angeblichen Vorfahren unserer Art, Homo sapiens, auch hauptsächlich in subtropischen Gebieten gefunden werden, insbesondere für den frühen Teil der menschlichen Evolution. Dies bedeutet, dass wir möglicherweise auch ähnliche Informationen über jene Evolutionslinie abrufen können, die zum Menschen führt.“

Hintergrund
Heute wissen Wissenschaftler, dass sich die Abstammungslinien von Menschen und Schimpansen vor etwa sieben oder acht Millionen Jahren getrennt haben. Mit den bisherigen Methoden konnten jedoch nur humangenetische Informationen abgerufen werden, die nicht älter als 400.000 Jahre waren. Die neuen Ergebnisse zeigen die Möglichkeit auf, die genetische Rekonstruktion der evolutionären Beziehungen zwischen der unseren und ausgestorbenen Arten um mindestens zwei Millionen Jahre zu verlängern – und damit einen viel größeren Teil der gesamten menschlichen Evolution abzudecken.

„Durch die Sequenzierung von Proteinen aus Zahnschmelz, die etwa zwei Millionen Jahre alt sind, haben wir gezeigt, dass es möglich ist, die evolutionären Beziehungen von Tierarten zu rekonstruieren, die bereits so früh ausgestorben sind, als dass ihre DNA bis jetzt überlebt hätte. In dieser Studie können wir nun aber sogar den Schluss ziehen, dass sich die Abstammungslinien von Orang-Utan und Gigantopithecus vor etwa 12 Millionen Jahren aufgespalten haben “, sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte Enrico Cappellini.

Künstlerische Darstellung von Gigantopithecus blacki. Copyright: Ikumi Kayama (Studio Kayama LLC)

Künstlerische Darstellung von Gigantopithecus blacki.
Copyright: Ikumi Kayama (Studio Kayama LLC)

Die Fossilien, die Gigantopithecus zugeschrieben werden, wurden erstmals 1935 in Südchina entdeckt und sind derzeit auf wenige Unterkiefer und einige Zähne beschränkt. Bislang wurde noch kein vollständiger Schädel und kein anderer Knochen vom Rest des Skeletts gefunden. Infolgedessen gab und gibt es auch viele Spekulationen über die physische Erscheinung dieses mysteriösen Tieres.

„Bisherige Versuche zu verstehen, welcher lebende Organismus Gigantopithecus am ähnlichsten sein könnte, konnten nur auf dem Vergleich der Form der Fossilien mit Skelett-Referenzmaterial von lebenden Menschenaffen beruhen. Urzeitliche DNA-Analysen kamen nicht in Frage, da Gigantopithecus vor etwa 300.000 Jahren ausgestorben war und in der geografischen Region, in der Gigantopithecus lebte, noch keine DNA gefunden wurde, die älter als etwa 10.000 Jahre war. Dementsprechend haben wir beschlossen, Zahnschmelzproteine ​​zu sequenzieren, um ihre evolutionäre Beziehung zu den heute noch großen Menschenaffen zu rekonstruieren.“

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Die nun aufgezeigte nahe Verwandtschaft zwischen Gigantopithecus blacki und heute lebenden Orang-Utans ist auch aus Sicht der Krpytozoologie von Interesse, die sich u.a. mit der Suche nach möglicherweise überlebenden Populationen angeblich bereits ausgestorbener Arten und Tieren beschäftigt, die bislang zwar in Sagen, Legenden und von Augenzeugen, nicht jedoch wissenschaftlich beschrieben wurden.

Vergleichende Anatomie: Schädel von Mensch, Schimpanse, Orang-Utan und eines Makaken mit Angabe des durchschnittlichen Hirngewichts. Copyright: Christopher Walsh (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 2.5

Vergleichende Anatomie: Schädel von Mensch, Schimpanse, Orang-Utan und eines Makaken mit Angabe des durchschnittlichen Hirngewichts.
Copyright: Christopher Walsh (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 2.5

Immer wieder wurde und wird hier der Gigantopithecus als möglicher Vorfahr jener aufrechtgehenden Großprimaten diskutiert, wie sie in den Wäldern Nordamerikas und Eurasiens bis heute von der Wissenschaft unentdeckt leben sollen und die unter populären Bezeichnungen wie Bigfoot, Sasquatch, Yeren, Almas oder Yeti bekannt sind. Laut einer entsprechenden Theorie könnte der Gigantopithecus bzw. dessen Nachfahren oder verwandte Arten einst von Asien nach Nordamerika gelangt sein und bis heute überlebende Populationen die Grundlage für die Mythen rund um die dortigen „Waldmenschen“ liefern.

Der jetzt erbrachte Nachweis einer engen Verwandtschaft mit Orang-Utans sorgt selbst innerhalb der kryptozoologischen Forschergemeinde für kontroverse Diskussionen. So erläutert unter anderem der Bigfoot-Experte Cliff Barackman: „Für mich bedeutet dies, dass der Gigantopithecus nicht der Vorfahre des Sasquatchs sein kann, da Orang-Utans und ihre Vorfahren nicht die dem Sasquatch zugeschriebenen anatomischen Merkmale, wie etwa prominente Überaugenwulste, aufweisen.“

Tatsächlich sind die diese dominanten Überbrauenwulste ein auffälliges Merkmal der Schädel diverser Vor- und Urmenschen sowie einiger heute noch lebender Primaten wie etwa Schimpansen und Gorillas und auch sogar noch bei modernen Menschen zu finden – aber kein „herausragendes“ Merkmal des Orang-Utan-Schädels.

Der Einschätzung Barackmans stimmt indes der Anatom und Anthropologe Dr. Jeffrey Meldrum von der Idaho State University – seines Zeichens Experte für die nordamerikanischen Sasquatch und Bogfoot – nicht zu. Gegenüber Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) ordnet Meldrum die genetische Zuordnung des Gigantopithecus zu Orang-Utans vor dem Hintergrund der Bigfoot-Frage wie folgt ein:

„Das Verständnis der Evolution der Menschenaffen hat in letzter Zeit enorm zugenommen – ist aber immer noch unvollständig. Mittlerweile sind mindestens ein Dutzend Gattungen bekannt, die eine Vielzahl von Morphologien und ökologischen Anpassungen aufweisen. Die wenigen lebenden Gattungen sind Reliktpopulationen, die auf tropische Refugien beschränkt sind und nur eine schwache Darstellung früherer Arten erlauben, weil sie die vermuteten Dichotomien der Skelett- und Zahnmorphologie zu stark vereinfachen.

Dr. Jeffrey Meldrum Copyright: J. Meldrum

Dr. Jeffrey Meldrum
Copyright: J. Meldrum

So wurde beispielsweise in der Vergangenheit die Zahnschmelzdicke in ‚dünn oder dick‘ unterteilt. Eine Gruppe, die Dryopithecine, hatte allgemein einen dünnen Zahnschmelz, während die andere Gruppe, die Sivapithecine, einen dicken Zahnschmelz aufwies. Erstere wurden im Allgemeinen in Europa, die letzteren in Asien gefunden. Erstere hatten weite Augenhöhlen, die von vorstehenden Augenbrauen gekrönt waren und ein eher vorgewölbtes Gesicht. Die Letztgenannten hatten engere Augenhöhlen mit leichten Augenbrauen und eher nach innen gewölbten Gesichtern. Die wachsende Vielfalt zeigt jedoch, dass diese Entweder- oder-Kontraste nicht ausreichen, um die die Schädelvariationen zu beschreiben. Es besteht auch keine enge Korrelation zwischen kraniodentalen und postkranialen Anpassungen, wobei Vierfußgang- sowie und Kletter-Hänge-Anatomien in beiden Gruppen zu finden sind, es aber auch aktuell bei Danuvius guggenmosi Beweise für den aufrechten Gang auf zwei Beinen gibt (…GreWi berichtete).

Kommen wir zu Gigantopithecus blacki, so ist dieser ausschließlich aufgrund einiger Teilkiefer und isolierter Zähne bekannt – Zähne mit dickem Backenzahnschmelz. Das galt früher einmal als Beleg dafür, dass es sich um eine Art der Gattung Homo (Hominini) gehandelt hatte, weshalb einige Theorien bereits über eine riesenhafte Phase in der menschlichen Evolution spekuliert hatten. Als dann aber die Dichotomie von Arten mit dickem Zahnschmelz (Sivapthecinen) vs. Arten mit dünnem Zahnschmelz (Drypthecinen) Gestalt annahm, wurde der Gigantopithecus mit ersterem in Verbindung gebracht. Es gab sogar eine Zeit, in der einige Wissenschaftler die Vorstellung befürworteten, Australopithecine stammten von Sivapithecinen ab, deren nächsten Nachbarn eher die Orang-Utans als Schimpansen gewesen seien. Jetzt scheint DNA-Analyse diese Debatte geklärt zu haben. Nun bestätigt also die Proteinanalyse von G. blacki-Gewebe eine enge Affinität zu Orang-Utans.

Größenvergleich der Kiefer/Schädel des Giganopitecus (Mitte) mit anderen Menschenaffen. Quelle: Meldrum

Größenvergleich der Kiefer/Schädel des Giganopitecus (Mitte) mit anderen Menschenaffen.
Quelle: Meldrum

Man sollte jedoch der Versuchung widerstehen, die fehlenden Aspekte der Anatomie und des Verhaltens von Gigantopithecus mit denen hochspezialisierter Orang-Utans zu füllen.

Diese Lücke wurde immer wieder mit fortwährenden Missverständnissen gefüllt, wie etwa der vom Gigantopithecus als Bambusspezialist, der eher einem riesigen Panda geähnelt habe. Andere sahen in ihm einen riesigen, am Boden lebenden Orang-Utan mit einem übermäßigen Verhältnis von Vorderbein zu Hinterbein (intermembralen Index, siehe Abb.).

Rekonstruktion der vermuteten Größe: G. blacki (links) und G. giganteus (rechts) in der Körperhaltung eines aufrecht stehenden Orang-Utans; in der Mitte: Homo sapiens. Copyright: Discott (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 3.0

Rekonstruktion der vermuteten Größe: G. blacki (links) und G. giganteus (rechts) in der Körperhaltung eines aufrecht stehenden Orang-Utans; in der Mitte: Homo sapiens.
Copyright: Discott (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 3.0

Wir wissen jetzt also, dass G. blacki mit den heute noch lebenden Orang-Utans verwandt war. Bedeutet dies aber auch, dass es kein Zweibeiner war? Nicht unbedingt. In Anbetracht seiner Größe und seines hominoiden Erbes gibt es eine mehr als 50-prozentige Chance, dass er tatsächlich auf zwei Beinen ging. Bedeutet das dann aber wiederum, dass es ein eher menschenähnliches Gesicht – ein Gesicht ohne markante Überaugenwulste hatte? Nicht unbedingt – Denken Sie an den Ouranopithecus, von dem einige Wissenschaftler annehmen, eng mit Orang-Utans verwandt zu sein.

Zum Thema

Schließen die jüngsten DNA-Befunde also den Gigantopithecus also als möglichen Kandidaten für einen Sasquatch-ähnlichen Hominoiden mit einem Lebensraum rund um den Pazifik aus? Nicht unbedingt.
Bislang wissen wir nur Folgendes: Der Gigantopithecus hatte hierfür die richtige Größe, lebte am richtigen Ort und zur richtigen Zeit.“

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Quelle: Universität Kopenhagen, grewi.de / J. Meldrum

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