Ägyptologen: Vor Bohrung im Grab des Tutanchamun weitere Scans notwendig

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Verbirgt die hier gezeigte, reich verzierte Nordwand in der Grabkammer des Tutanchamun nicht nur einen bislang verborgenen leeren Raum, sondern sogar  eine weitere Grabkammer?

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Kairo (Ägypten) – Nachdem bisherige Bodenradar-Scans im und am Grab des Tutanchamun auf dahinter verborgene Türen und Kammern deuteten (…GreWi berichtete), fand am Wochenende in Kairo eine Expertenkonferenz statt, auf der das weitere Vorgehen diskutiert wurde. Neben der Sachdiskussion nutzte vor allem der einstige Antikenminister Zahi Hawass die Konferenz für seine fortwährende Kritik an “ausländischen Experten” und deren angeblich “unwissenschaftlichen Theorien”.

Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörten neben zahlreichen Archäologen und Reeves auch der japanische Radarexperte und Leiter der bisherigen Scans Prof. Hirokatsu Watanabe, sowie der heutige Minister für das antike Erbe Ägyptens Dr. Khaled El-Enany und dessen Vorgänger Dr. Mamdouh Eldamaty und der ebenso umstrittene wie streitbare Dr. Zahi Hawass.

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“Es ist wichtig, weitere Scans mit zusätzlichen Techniken und Methoden im Grab des Tutanchamun (KV62) im Tal der Könige  durchzuführen”, so fasst das ägyptischen Antikenministerium das gestern bekannt gegebene Ergebnis der Konferenz zusammen und stellt sich damit weiterhin hinter die Suche des britischen Archäologen Dr. Nicholas Reeves, der als erster auf feinste Unebenheiten an den reich verzierten Wänden der Grabkammer aufmerksam machte, anhand dieser dahinter verborgene weitere Kammern und darin sogar nichts Geringeres als das Grab der Nofretete vermutet (…GreWi berichtete).

Zugleich stellte El-Enany aber auch fest, dass es keine Minimalbohrungen durch die Wände und damit einer Erkundung der potentiell dahinter verborgenen Kammern geben werde, “bis wir nicht 100 Prozent sicher sind, dass es dahinter auch wirklich weitere Hohlräume gibt.”

Während Dr. Eldamaty auf seinem Vortrag seine Überzeugung bekundete, dass die bisherigen Scans “zu 50 Prozent dahinter verborgene Hohlräume belegen”, er aber Zweifele, dass es sich um das Grab der Nofretete handelt, bleibt er mit dieser Einschätzung überraschender Weise deutlich hinter den zuvor noch von den Archäologen geweckten Erwartungen zurück, laut denen die Existenz der Kammern und sogar darin befindlicher metallischer und organischer Objekte bereits mehr oder weniger als gesichert dargestellt wurden (…GreWi berichtete).

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Podiumsdiskussion: Hirokatsu Watanabe (2.v.l), Nicholas Reeves (3.v.l.), Zahi Hawass (3.v.r.), Mamdouh Eldamaty (2.v.r.).

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Seinen Vortrag nutzte dann der ehemalige Antikenverwalter Dr. Zahi Hawass erneut für seine bereits zuvor vertretene harsche Kritik an “ausländischen Wissenschaftlern und Experten” und meint damit neben Reeves auch die japanischen Radarexperten. Er, so erklärte Hawass, rechne “nicht damit, dass sich hinter der Wand überhaupt etwas befindet”. Zudem sprach Hawass den Theorien Reeves jegliche wissenschaftliche Grundlage ab und unterstellte den ausländischen Wissenschaftlern und Experten, dass sie sich lediglich auf Kosten des ägyptischen Erbes bereichern und profilieren wollten. “Während seiner ganzen Karriere, seien in Ägypten noch nie wichtige Entdeckung mittels Radar gemacht worden.”

Reeves selbst wollte diesen Vorwurf erwartungsgemäß nicht auf sich sitzen lassen, und verwies auf seine bisherigen 18-monatigen Studien und die bisherigen Scans. “Ich habe immer schon nach Hinweisen darauf geachtet, dass meine ersten Analysen (die auf besagte Kammern hindeuten) falsch sein könnten. Aber ich habe solche Hinweise nie gefunden. Statt dessen fand ich immer mehr Belege dafür, dass es diese beiden Kammern tatsächlich gibt.”

Zugleich dämpfte Reeves aber selbst auch die enorme öffentliche Erwartungshaltung: “Auch wenn wir hinter den Wänden im Grab nichts finden, so gibt uns das dennoch die Gelegenheit, viele Methoden zu testen, die auch anderswo in der Archäologie einsetzbar wären.”

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Schematische Skizze der bislang bekannten Grabkammern des Tutanchamun (blau) vor dem Hintergrund der reich verzierten Nordwand hinter der sich bislang unentdeckte und immer noch unerkundete weitere Kammern befinden (rosa).

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Trotz seiner Kritik wartete Hawass aber auch mit einem konstruktiven Vorschlag auf: Zunächst solle die Radarmethode an Gräbern mit bereits bekannten verborgenen Hohlräumen und Kammern, etwa dem Grab von Ramses II, getestet werden.

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Vor dem Hintergrund der Debatte forderte Hawass auf der Konferenz auch die Einrichtung einer weiteren – ägyptischen – Expertenkommission, um die weiteren Arbeiten in der Grabkammer zu beaufsichtigen. Mit dieser Forderung einhergehend berichtete der Direktor des Grand Egyptian Museum (GEM), Dr. Tarek Tawfik, von der Gründung eines Ägyptischen Archäologischen Komitees, das – von ausländischen Experten unterstützt – einen Plan für den weiteren Umgang mit den empfindlichen Artefakten aus und im Grab des Tutanchamun erarbeiten solle. Darüber hinaus wurde das bereits im vergangenen Jahr eingerichtete “Tutankhamun’s Research Center” mit Geldern zur Erstellung einer neuen Internetseite ausgestattet,  auf der die bisherigen, derzeitigen und zukünftigen Forschungsergebnisse zum Kindkönig veröffentlicht werden sollen.

Bis zum Redaktionsschluss dieser Meldung, lagen noch keine Informationen, geschweige denn Zeitpläne für das geplante weitere Vorgehend der Forschungsarbeiten im Grab des Tutanchamun vor.

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