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50 Jahre Viking: Wurde die Suche nach Leben auf dem Mars vorschnell beendet?

Alachua (USA) – Am 20. August und 9. September 1975 starteten mit Viking 1 und Viking 2 zwei Missionen zum Mars, deren Ziel nichts Geringeres war als der direkte Nachweis außerirdischen Lebens. Ein halbes Jahrhundert später mehren sich Stimmen, die fordern: Die damaligen Daten müssen neu und ergebnisoffen analysiert werden – bevor bemannte Missionen die Suche nach möglichem einheimischem Leben zusätzlich verkomplizieren.

Mosaik-Panoramablick der Viking-Kameras in die Marslandschaft.Copyright: NASA/ Erik Vandencbulek (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 4.0
Mosaik-Panoramablick der Viking-Kameras in die Marslandschaft.
Copyright: NASA/ Erik Vandencbulek (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 4.0

In ihrer aktuell im Sage-Fachjournal „Astrobiology“ (DOI: 10.1177/15311074251404) veröffentlichten Studie haben sich Steven A. Benner, Clay Abraham und Jan Spacek von der Foundation for Applied Molecular Evolution, Dirk Schulze-Makuch von der TU Berlin der dmaligen Messergebnisse und ihrer möglichen Interpretationen erneut angenommen und fordern eine Neubewertung der damaligen Schlussfolgerungen, mit denen die Suche nach Leben auf dem Mars für Jahrzehnte angehalten wurde.

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Drei Experimente – drei „lebenspositive“ Resultate?

Die Viking-Lander führten an zwei Orten – Chryse Planitia und Utopia Planitia – jeweils drei biologische Experimente durch. Deren Ergebnisse waren nach den ursprünglichen Versuchskriterien durchaus konsistent mit mikrobieller Aktivität:

– Ein Experiment registrierte die Fixierung radioaktiv markierten Kohlenstoffs aus 14CO₂ und 14CO – ein Resultat, das als Hinweis auf photosynthetische Prozesse gewertet werden konnte.

– Ein weiteres Experiment – das sogenannte „Labeled Release“-Verfahren – zeigte die Freisetzung von radioaktiv markiertem CO₂ aus mit 14C versehenen Nährstoffen. Genau das war als Signal für respiratorischen Stoffwechsel definiert worden.

– Ein drittes Experiment dokumentierte die Freisetzung und den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid, nachdem Marsboden befeuchtet worden war – ebenfalls vereinbar mit mikrobieller Gaswechselaktivität.

Nach Maßgabe des ursprünglichen Designs waren diese Resultate keineswegs negativ. Dennoch gilt Viking bis heute in Lehrbüchern vielfach als gescheiterter Lebensnachweis.

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Der Wendepunkt: Die GC-MS-Interpretation

Entscheidend war die Auswertung zweier Gas-Chromatograph-Massenspektrometer (GC-MS). Diese sollten organische Moleküle im Marsboden nachweisen – sei es durch Meteoriteneintrag oder durch mögliches mars-eigenes Leben. Gefunden wurden jedoch vor allem Freone sowie Methylchlorid und Methylenchlorid – Verbindungen, die bei starker Erhitzung der Bodenproben entstanden. Während Freone rasch als irdische Kontamination identifiziert wurden, war die Lage bei den organischen Chlorverbindungen zunächst weniger eindeutig. In der Originalpublikation wurde noch eingeräumt, Methylchlorid könne „möglicherweise marsianischen Ursprungs“ sein.

Später jedoch tauchte es in Übersichtsarbeiten plötzlich unter der Rubrik „terrestrische Kontamination“ auf – ohne nachvollziehbare Begründung. In der Folge setzte sich die Interpretation durch: Keine organischen Moleküle, also kein Leben.

Erst Jahrzehnte später zeigte sich, dass Perchlorate – 2008 auf dem Mars nachgewiesen – beim Erhitzen organische Moleküle zerstören und dabei genau jene chlorierten Verbindungen erzeugen können. Damit wandelte sich die Deutung grundlegend: Die gemessenen Chlorverbindungen könnten ein indirekter Hinweis auf ursprünglich vorhandene Organik gewesen sein – nicht deren Widerlegung.

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„That’s the ballgame“ – und die Folgen

Der damalige Missionsdirektor Gerald Soffen soll erklärt haben: „That’s the ballgame. No organics. No life.“ (Das war’s: Keine organischen Stoffe. Kein Leben). Mit dieser Festlegung kam der wissenschaftliche Diskurs faktisch zum Erliegen.

Anstelle einer offenen, dialektischen Debatte – biologisch versus abiotisch – dominierte fortan ein Modell starker oxidierender Chemie. Widersprüche wurden eher verworfen als systematisch untersucht. So hatte etwa das Photosynthese-Experiment organische Fixierung drei Standardabweichungen über dem Hintergrundwert gezeigt – ein Ergebnis, das selbst von den beteiligten Forschern als schwer nicht-biologisch erklärbar beschrieben wurde.

Doch statt diese Anomalien weiterzuverfolgen, verwies man auf künftige Experimente. Die endgültige Interpretation stützte sich damit teilweise auf Untersuchungen, die noch gar nicht durchgeführt waren.

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Eine überfällige Neubewertung

Heute, da organische Moleküle an anderen Marsstandorten nachgewiesen wurden und bemannte Missionen vorbereitet werden, gewinnt die Frage neue Brisanz. Nahe der Oberfläche existiert Wassereis, das als astrobiologisch besonders relevante Probe gilt. Gleichzeitig würde eine bemannte Mission das Risiko irdischer Kontamination massiv erhöhen.

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Hinzu kommt eine rechtliche Dimension: Sollten Astronauten tatsächlich auf lebende Marsorganismen stoßen, würden internationale Planetenschutzregeln eine Rückkehr zur Erde zunächst untersagen, bis jede Gefährdung ausgeschlossen ist.

Vor diesem Hintergrund fordern einige Forscher eine Wiederaufnahme der wissenschaftlichen „Pro-und-Contra“-Debatte, die 1976 hätte beginnen müssen. Hypothesen über mögliche marsianische Stoffwechselstrategien – etwa autotrophe Mikroben, die Sauerstoff speichern und bei episodischer Feuchtigkeit aktiv werden – könnten experimentell überprüft werden.

Ob sich daraus letztlich ein biologisches Szenario bestätigt oder eine chemische Erklärung durchsetzt, ist offen. Klar ist jedoch: Die Viking-Daten sind komplexer, als es die jahrzehntelang dominierende Kurzformel „kein Leben gefunden“ nahelegt.

Fünfzig Jahre nach Viking steht die Marsforschung damit erneut an einem methodischen Scheideweg. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, ob es Leben auf dem Mars gibt – sondern ob wir bereit sind, alte Daten ohne vorschnelle Festlegungen neu zu betrachten.

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Quelle: Sage/Astrologiology

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Andreas Müller
Fachjournalist Anomalistik | Autor | Publizist
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