Dorfmuseum in Maulbronn-Schmie zeigt Sonderausstellung zur „Alltagsmagie“ – auch online

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Verschiedene Exponate der Ausstellung „Alltagsmagie - Riten, Schutzzauber und Bauopfer“ im Dorfmuseum in Schmie (Maulbronn, Baden-Württemberg). Copyright: Dorfmuseum in Schmie

Verschiedene Exponate der Ausstellung „Alltagsmagie – Riten, Schutzzauber und Bauopfer“ im Dorfmuseum in Schmie (Maulbronn, Baden-Württemberg).
Copyright: Dorfmuseum in Schmie

Schmie (Deutschland) – Das in der „Steinhauerstube” beheimatete Dorfmuseum Schmie zeigt noch bis zum 6. Dezember die Sonderausstellung „Alltagsmagie – Riten, Schutzzauber und Bauopfer“. Gezeigt werden teils einzigartige Exponate der Sammlungen Frank Dähling und Rainer Scherb, die durch anschauliche regionale Beispiele ergänzt werden. Zugleich kann die Ausstellung auch online besucht werden.

Zu Ausstellung erläutern die Kuratoren:

Die im 17. Jahrhundert langsam einsetzende Epoche der Aufklärung löste zusehends das magische Weltbild durch ein naturwissenschaftlich bestimmtes ab. Die Folge davon war, dass auch bis dahin geltende religiöse Wahrheitsansprüche zusehends in Frage gestellt wurden.

Der Ausstellungskatalog (l.)

Einen Gegenentwurf zur Aufklärung und zur zunehmenden Industrialisierung ab dem 19. Jahrhundert lieferte die Epoche der Romantik, in der das Irrationale, Übernatürliche, Unterbewusste, Märchenhafte und Schaurige sich einer vernunftbestimmten Weltanschauung entgegenstellten.

Die ländlich-bäuerliche Gesellschaft hielt an ihrer traditionellen Lebensweise noch weitgehend bis ins 20. Jahrhundert fest: Ihre Weltsicht war sowohl durch christlich-religiöse als auch magisch-okkulte Elemente geprägt. In diesem Weltbild war der Glaube an Geister, Hexen, Dämonen und Teufel fest verankert. Und dagegen musste man sich schützen. Zugleich versuchte man, die Lebensenergie von Menschen, Tieren und Pflanzen zu verbessern.”

„Wan ein Vüch [Vieh] verzaubert ist von Bösen Leuten so schreib folgende 30 Buchstaben isator auf ein Babier und gib es dem Füch [Vieh] ein wandaß Dier [Tier] in den Zedel [Zettel] verschlungen hat so mach noch ein ZedelRof [rupfe] dem Dier 3 Har [Haare] auß dem Kopf und 3 aus dem Rücken und 3 auß dem Schwantz Wickle die 9 Har in den Zedel und vorbrine [verbrenne] es in unter dem freyen Himmel es hilft
i s a t o r i a n t u o i t e f n t j o n t ä s i r o t a s [?]“

Beispiel eines Abwehrzaubers aus einem Rechnungsbuch aus dem Nachlass des Maulbronner Kloster-Sattlermeisters und Pächters des Seidehofs Johann Georg Pfizer (1728–1803) mit Rezepturen der Volksmedizin sowie magischen Formeln und Zaubersprüchen

Als Aberglaube wurde alles abgetan, was nicht mit kirchlicher Frömmigkeit zu vereinbaren war. Die Volksmagie hingegen bediente sich etwa christlicher Symbole, Riten und Objekte und kam vor allem zum Tragen, wenn das alleinige Vertrauen in die Kirche nicht ausreichte.

Bis in die Gegenwart finden sich im Alltag Redewendungen, Gegenstände und Praktiken, um sich vor schlechten Einflüssen zu schützen bzw. sie abzuwehren.

Die mit Wasserspeiern vergleichbaren „Kleiekotzer“ (auch Mühlgötze, Mühlgosche oder Schreckkopf genannt) sind aus Holz geschnitzte, maskenhaft gestaltete Gesichter bzw. Fratzen, aus deren Maul die Kleie nach dem Absieben des Mehls rieselte. Diese Fratzen sollten die Mühle vor bösen Mächten schützen und gehen wohl auf heidnische Idole zurück.
Copyright: Dorfmuseum in Schmie

Hinzu erweitert die legendäre Figur des geheimnisvollen Magiers und Alchemisten Doktor Faust, der als Teufelsbündler gilt und im nahegelegenen Knittlingen geboren sein soll, das Themenspektrum der Ausstellung um eine bedeutende lokale Facette.

Zum Thema

Bitte beachten: Das vom Bürgerverein Schmie e. V. geführte Museum ist jeweils am 1. und
3. Sonntag des Monats von 14–17 Uhr geöffnet. Die einzelnen Räume können jedoch auch sozusagen online begangen werden und es ist möglich, einzelne Exponate sowie deren Erläuterungen zu vergrößern und so im Detail zu betrachten. Zur Online-Version der Ausstellung gelangen Sie HIER

Die einzelnen Zimmer können durch Anklicken der Zimmerabbildung virtuell betreten, die hervorgehobenen Exponate durch Anklicken der Vergrößerungssymbole geöffnet werden.

Begleitend findet am 22.September 2020, 19.00 Uhr der Vortrag der Archäologin Svenja Dalacker von der Universität Tübingen mit dem Titel „Vergraben – verwahrt – verborgen: Nachgeburtstöpfe als archäologische Zeugnisse frühzeitlicher Glaubenswelten“ im Vereinsraum in der Turnhalle Schmie statt.




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Quelle: Steinhauberstube – Bürgerverein Schmie e.V

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